Ansprachen

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Ansprache
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
beim Dies Theologicus der Theologischen Fakultät Eichstätt

(Katholischen Universität Eichstätt, 1. Juli 2009)



Sehr geehrter Herr Bischof und Großkanzler der Katholischen Universität Eichstätt,
sehr geehrter Herr Dekan,
sehr geehrte Damen und Herren Professoren,
liebe Studentinnen und Studenten!

Was können Sie - Lehrende und Lernende - vom Vertreter des Papstes in Deutschland an Ihrem Dies Theologicus anderes erwarten als einen Ansporn für Ihren Einsatz in der Theologie, die ja nicht nur der Kern und Ausgangspunkt der hiesigen Katholischen Universität ist, sondern auch eines der Hauptjuwelen im Schatz der Kirche.

Deshalb möchte ich Ihnen, um den Dienst der Theologie zu fördern und Sie womöglich in Ihrer Tätigkeit zu bestärken, einige Gedanken über den Sitz der Theologie in der Sendung der Kirche vortragen, also über die Aufgabe, die Ihnen persönlich und beruflich als Mitgliedern der Kirche gestellt ist. Besonders den Priestern, die in der Lehre der Theologie tätig sind, möchte ich aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine Ermutigung ins Gedächtnis rufen. Im Dekret über Dienst und Leben der Priester Presbyterorum ordinis heißt es: „Endlich sollen die Bischöfe dafür Sorge tragen, dass einige sich dem vertieften Studium der heiligen Wissenschaften widmen, damit es nie an geeigneten Lehrern für die Ausbildung der Kleriker mangelt, damit ferner den übrigen Priestern und Gläubigen bei der Erwerbung des ihnen notwendigen Wissens eine Hilfe zur Verfügung gestellt und ein für die Kirche durchaus notwendiger gesunder Fortschritt in den heiligen Disziplinen gefördert wird“ (Presbyterorum ordinis, Nr. 19). Dieser Text ist Frucht der letzten mündlichen Intervention, die auf dem Konzil zur Verbesserung eines Dokumentes gemacht wurde. Sie erfolgte bei der 153. Generalkongregation am 16. Oktober 1965 durch den gerade ernannten, aber noch nicht geweihten neuen Erzbischof von Turin, Michele Pellegrino. Der hiesige Professor für Patrologie weiß sicher, dass Erzbischof Pellegrino seinen Lehrstuhl für Patrologie und Kirchengeschichte an der Universität Turin bis zu seinem Tod behalten hat. Die Lehre der Theologie ist für einen Priester Ausübung seines priesterlichen Amtes, und für die zukünftigen Priester ist das Studium der Theologie eine Forderung ihres künftigen Dienstes. Und für die Laienprofessoren ist es auf dem Fundament von Taufe und Firmung Ausdruck davon, dass sie mit diesem besonderen Auftrag an der Sendung der Kirche teilnehmen, wie es im CIC can. 228 § 1 und noch deutlicher can 229 § 3 gesagt wird, wo es heißt: „Ebenso können die Laien unter Beachtung der hinsichtlich der erforderlichen Eignung erlassenen Vorschriften einen Auftrag zur Lehre in theologischen Wissenschaften von der rechtmäßigen kirchlichen Autorität erhalten.“ Für Sie, liebe Studentinnen und Studenten, ist § 2 desselben Canon wichtig, der sagt: „Die Laien haben auch das Recht, jene tiefere Kenntnis in den theologischen Wissenschaften zu erwerben, die in kirchlichen Universitäten oder Fakultäten … gelehrt werden, indem sie dort Vorlesungen besuchen und akademische Grade erwerben“ (CIC can. 229 § 3).

Wie Sie vielleicht wissen, habe ich im Kirchenrecht promoviert – näherhin mit einer Untersuchung der Akten des Zweiten Vatikanischen Konzils über den Priester in der Seelsorge, besonders in der Pfarrei, im Hinblick auf eine Anpassung der Normen des kirchlichen Rechts für den Priester in der Pfarrei im Sinne des Konzils. Ich überlasse Ihnen ein Exemplar dieser Arbeit – hauptsächlich in französischer Sprache verfasst – für die Bibliothek Ihrer Fakultät.

1. Jetzt aber zum eigentlichen Thema meiner Ansprache: Wie können wir Theologen erkennen, worin die uns aufgegebene Mitarbeit an der Sendung der Kirche in der Welt besteht und wie wir sie verwirklichen sollen? Für uns als Wissenschaftler ist es sicher kein Problem, auf der Ebene des Wissens rasch eine Antwort zu geben – wir kennen so viele Dokumente und die Geschichte der Kirche, so dass es nicht schwer ist, dazu eine Darstellung vorzulegen. Schwieriger aber ist es, unsere Mitarbeit in der Theologie und durch sie zur Förderung der Evangelisierung der Welt auszuüben. Ich brauche Sie nicht daran zu erinnern, dass zur Ausübung der Sendung der Kirche die Orthopraxie ebenso wichtig ist wie die Orthodoxie - und sogar noch wichtiger. Es genügt in diesem Zusammenhang, auf die anerkannten „Lehrer der Kirche“ hinzuweisen, deren Lehre durch ihr heiliges Leben eine erweiterte und bleibende Ausstrahlung hat.

Grundlegende Quelle meiner Aussagen ist die Ihnen wohlbekannte „Instruktion über die kirchliche Berufung des Theologen“, die am 24. Mai 1990, am Hochfest Christi Himmelfahrt, von dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation Joseph Kardinal Ratzinger, dem heutigen Papst Benedikt XVI., herausgegeben wurde.

Nicht ohne Grund unterstreiche ich den Namen Joseph Ratzinger, weil Joseph Ratzinger zwischen 1959 bis 1977 Theologieprofessor an vier verschiedenen deutschen Universitäten war, um später 22 Jahre als Präfekt die Glaubenskongregation zu leiten. Die Instruktion ist also nicht „al tavolo“, am Tisch eines Kurienbeamten entstanden, sie ist vielmehr Frucht der Erfahrung eines Theologen, dem dann die Verantwortung anvertraut wurde, „die Glaubens- und Sittenlehre der ganzen katholischen Welt zu fördern und zu schützen“ (Apostolische Konstitution Pastor bonus über die Römische Kurie, Art. 48).

Über die Beziehungen zwischen Lehramt und Theologie (Kapitel IV) sagt die Instruktion: „Dieser Dienst an der Gemeinschaft der Kirche (das Volk Gottes in der Wahrheit, die frei macht, zu bewahren und es damit zum `Licht der Völker` zu machen) bringt Theologen und Lehramt in gegenseitige Beziehung. Das letztere legt authentisch die Lehre der Apostel vor und weist, indem es aus der theologischen Arbeit Vorteil zieht (Hervorhebung von mir), die Einwürfe gegen den Glauben und dessen Verfälschungen zurück. Es legt ferner mit der von Jesus Christus empfangenen Autorität neue Vertiefungen, Verdeutlichungen und Anwendungen der offenbarten Lehre vor. Die Theologie gewinnt dagegen auf reflexive Weise ein immer tieferes Verständnis des in der Schrift enthaltenen und von der lebendigen Tradition der Kirche unter der Führung des Lehramtes getreu überlieferten Wortes Gottes, sucht die Lehre der Offenbarung gegenüber den Ansprüchen der Vernunft zu klären und schenkt ihr schließlich eine organische und systematische Form“ (Nr. 21).

Mir scheint dieses Zitat der Kern der Instruktion und darüber hinaus der Kern einer für die Ausstrahlung der Kirche in der Welt fruchtbaren Zusammenarbeit zu sein. Ein Exeget – es gibt Exegeten nicht nur für die Heilige Schrift, sondern auch für andere Texte, die von ihnen untersucht und interpretiert werden – ein Exeget also würde jeden Satz dieses Textes als Ausdruck eines grundsätzlichen theologischen Prinzips der Struktur der Kirche sehen.   

2. Es geht um den Dienst an der Kirche, um einen Auftrag, den man von Christus empfangen hat. Das allen gemeinsame Ziel besteht darin, das Volk Gottes in der Wahrheit Christi zu erleuchten, damit es besser zur Evangelisierung der Welt befähigt wird. „Die Wahrheit wird euch befreien“ (Joh 8, 32), sagt Christus zu den Pharisäern, und er ist selber die Wahrheit (vgl. Joh 14, 6). Ob es nun um Sie, die Professoren, oder um Sie, die Studenten, oder um uns Priester und Bischöfe geht: das Ziel unseres theologischen Handelns ist das Volk Gottes, dem man Licht geben muss, damit es seinen Weg in der Welt klar und ohne Furcht gehen kann. Bedeutet das, dass der Maßstab für theologische Überlegungen immer ihre Brauchbarkeit ist? Nein! Denn die Theologie ist vor allem ein Suchen nach der Wahrheit, „damit die Kirche auf den Plan Gottes antworten kann“ (Instruktion, Nr. 1).

Mein Dogmatikprofessor im Priesterseminar in Fribourg, „Monsieur Journet“ – so pflegte man in jener Zeit Professoren zu nennen, später wurde er Kardinal – machte am Ende eines Traktates, eines „Traité“ (wie z. B. über die Dreifaltigkeit oder die Heilige Messe als Opfer Christi), jeweils eine Zusammenfassung, indem er die ganze Lehre in einer für Katechismuskinder verständlichen Form resümierte. Sie dauerte eine Stunde – der dogmatische Kurs drei oder vier Monate. Vielleicht war dieser große Theologe dadurch sicher, dass seine Studenten seine Darlegungen zumindest in diesem letzten Teil verstanden hatten.

3. Es geht auch um eine wechselseitige Bereicherung zwischen Lehramt und Theologie. Sie ist nur dann möglich, wenn ein gegenseitiges Vertrauen herrscht. Das Lehramt legt neue Vertiefungen, Verdeutlichungen und Anwendungen der offenbarten Lehre „mit der von Jesus Christus empfangenen Autorität“ vor. „Autorität“ meint nicht einen Zwang, der die Theologie nach Belieben lenken könnte, vielmehr geht es darum, diese in ihrer Authentizität zu erhalten: „fides quaerens intellectum“. Das Steuer - heute würde man sagen: der Navigator – ist der Glaube. Falls der Theologe dessen Stimme nicht hört, führt ihn sein Voranschreiten in Erklärungen, Erfindungen und Aussagen in die Haltung der Distanz. Er ist nicht mehr Diener des Volkes Gottes. Zur Abwehr einer solchen Gefahr ist dem Glaubensbekenntnis, das jeder Amtsträger vor der Übernahme seines Amtes ablegt, als Formulierung der Zustimmung eingefügt: „firmiter etiam amplector et retineo“ („ich mache mir die Lehre der Kirche zu eigen und halte an ihr fest“) (vgl. Instruktion Nr. 23).

Ob nun auf Seiten des Lehramtes oder auf Seiten des Theologen: immer wird als Grundhaltung zur Erforschung und Verbreitung der Wahrheit Christi Demut und Gehorsam gegenüber Christus verlangt.

Wenn Spannungen entstehen, ist letztlich nur diese Grundhaltung fruchtbar, wie die Instruktion sagt: „Entstehen die Spannungen nicht aus einer Haltung der Feindschaft und des Widerspruchs, können sie als dynamisches Element und als Anregung gelten, die Lehramt und Theologen zur Wahrnehmung ihrer jeweiligen Aufgaben in gegenseitigem Dialog bestimmen“ (Instruktion, Nr. 25).

Ganz am Anfang meiner Studien im Priesterseminar habe ich eine so demütige Haltung bei einem Exegeten erlebt. Der Leiter der Einführungsexerzitien war der berühmte Stanislas Lyonnet, ein Jesuit, der von seiner Lehrtätigkeit am Päpstlichen Bibelinstitut in Rom freigestellt war. Unser Regens, der ihn am selben Institut als Kommilitonen gehabt hatte, hatte ihn, sobald er von dieser Entscheidung erfuhr, mit den Worten: „Lieber Pater, jetzt werden Sie sicher etwas mehr Zeit für Predigten haben“, zur Leitung der Exerzitien eingeladen. So haben wir eine ganze Woche mit P. Lyonnet den Römerbrief betrachtet, nicht exegetisch, sondern geistlich - unter der Leitung von jemandem, der ihn ausgezeichnet kannte. Das Gleiche wie mit P. Lyonnet war einige Jahre früher ebenfalls in Rom mit einem Dominikaner, P. André Gigon, geschehen, der die Lehre über den Limbus in Frage gestellt hatte. Er kam zurück nach Fribourg, um in den Pfarreien und Ordensgemeinschaften Predigten zu halten. Dieselbe Glaubenskongregation hat in unserer Zeit eine Erklärung der Internationalen Theologenkommission über dieselbe Frage veröffentlicht, die im Grundsatz die Thesen dessen übernommen hat, der seinerzeit am Angelicum ihretwegen seinen Lehrstuhl verloren hat.

Der Fall von Antonio Rosmini, dessen Werke durch die Indexkongregation verurteilt wurden, ist Ihnen wohl bekannt. Mit Notifikation von 1. Juli 2001 hat ihn die Glaubenskongregation rehabilitiert und hält die Begründungen, auf die sich seine Verurteilung stützte, „die“, wie es erklärend heißt, „aus der damaligen geschichtlichen, kulturellen und kirchlichen Situation erwuchsen“ (Nr. 5), aus heutiger Sicht für überholt. Beispielhaft und ermutigend für uns - falls wir uns in einer ähnlichen Situation befinden - ist die Antwort Rosminis an Papst Pius IX., in der er schreibt: „Ich will mich in allem auf die Autorität der Kirche stützen. Und ich will, dass die ganze Welt weiß, dass ich nur dieser Autorität folge.“ Wird Rosmini einmal als Kirchenlehrer anerkannt? Hoffen wir im Augenblick, dass nach seiner Seligsprechung am 18. November 2007 in Novara die Heiligsprechungsprozedur rasch vorankommt. In diesem Zusammenhang freue ich mich, feststellen zu können, dass die Kirche, „Mater et Magistra“, den Stock der „magistra“ in vielen Fällen durch die Liebe der „mater“ zu ersetzen weiß – aber immer „in veritate“; denn die Wahrheit allein macht uns frei.

Zum Schluss noch eine Bemerkung: Die Suche nach der Wahrheit ist Ihnen - uns - allen unser Hauptanliegen in der Theologischen Fakultät. Ich möchte Ihnen – und zuvörderst mir selbst; denn der Redner muss der erste Hörer seiner Rede sein - einen Text des heiligen Augustinus - er war ein ausgezeichneter Theologe und ein ausgezeichneter Bischof - mit auf den Weg geben. In seinem Kommentar zum Johannesevangelium schreibt er über die Aussage Christi: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14, 6): „Es wird dir nicht gesagt: Gib dir Mühe und suche den Weg, damit du zur Wahrheit und zum Leben kommst; dies wird dir nicht gesagt. Fauler, steh auf! Der Weg selbst ist zu dir gekommen und hat dich, Schläfer, vom Schlaf aufgeweckt. Wenn er dich aber aufgeweckt hat, steh auf und wandle!“ (Augustinus, Tractatus in Joannem 34, 9). Aufstehen, um Christus als seinen Weg zur Wahrheit zu nehmen, bedeutet für uns eine Einladung, unser Studium mit Gebet und Betrachtung zu verbinden, uns dem Licht und dem Feuer des Heiligen Geistes auszusetzen. Nicht ohne Grund haben unsere Professoren im Seminar wie auch an der Theologischen Fakultät jede Vorlesung mit dem Gebet Veni Sancte Spiritus angefangen.

Möge der Heilige Geist Ihnen allen seine Gaben der Weisheit, der Einsicht, des Rates und der Erkenntnis reichlich schenken!