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Pius XII. der missachtete Pastor angelicus
Kanzelrede
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset
(Donaueschingen, 21. Februar 2010)
Sehr geehrter Herr Pfarrer,
Brüder und Schwestern in Christus!
Als ich von Herrn Pfarrer Dr. Fischer eingeladen wurde, anlässlich der Zuerkennung des höchsten Tugendgrades für Papst Pius XII. auf dieser Pfarrkanzel die XII. Kanzelrede von Donaueschingen zu halten, habe ich diese Einladung gerne angenommen.
Warum?
- erstens, weil Papst Pius XII. heute in der Öffentlichkeit umstritten ist und diese Kanzelrede mir als dem Vertreter des Heiligen Vaters in Deutschland, als seinem 9. Nachfolger als Apostolischer Nuntius und dem vierten mit Residenz in Berlin die Möglichkeit bietet, seine große Bedeutung für die Kirche ins rechte Licht zu rücken; außerdem hat Nuntius Eugenio Pacelli von dieser Kanzel aus gepredigt;
- der zweite Grund: Der Prozess seiner Seligsprechung ist am 19. Dezember letzten Jahres dadurch einen entscheidenden Schritt vorangekommen, dass Papst Benedikt XVI. Pius XII. wegen seines tugendhaften Lebens als „Ehrwürdig“ anerkannt hat.
Noch zwei Bemerkungen, bevor ich Ihnen ein Lebensbild Pius´ XII. zeichne:
Erstens: Es handelt sich um eine Rede von einer Kanzel, d. h. negativ formuliert: nicht um eine Predigt oder eine Homilie, obwohl sie von einer Kanzel gehalten wird; positiv formuliert: es handelt sich um eine Rede, die die Bedeutung der Kanzel als Ort, von dem aus die Frohbotschaft verkündet und erläutert wird, mit bedenkt. Deshalb soll die Rede auf das Ziel ausgerichtet sein, Wahrheit mitzuteilen und Ihnen die Person und das Wirken von Papst Pius XII. zu erhellen und näherzubringen.
Zweitens: Als Hörer einer Rede von der Kanzel erwarten Sie etwas, was Sie bereichert und ermutigt, so dass Sie, wenn Sie diesen sakralen Ort verlassen, es in dem Bewusstsein tun, Neues und Vertiefendes erfahren zu haben. Dazu hilft uns die Verheißung Jesu an seine Zuhörer: „Die Wahrheit wird euch befreien“ (Joh 8, 22).
Die Darstellung der Person Pius´ XII. und seines Wirkens soll uns helfen, ihn und seinen Lebensweg besser zu verstehen und – wie ich hoffe – positiver zu sehen, als es heute gemeinhin der Fall ist. Es ist wie bei einem Mosaik: Jeder Stein hat eine Bedeutung für das Gesamt; das Ganze bekommt seine Bedeutung aus dem Zusammenwirken aller Steine.
I. Einige Vorbemerkungen zum Bild von Papst Pius XII.
1. Warum wird Papst Pius XII. „Pastor angelicus“ genannt?
Es geht um die wohlbekannten sogenannten Weissagungen des irischen Erzbischofs Malachias (1094/95-1148) aus der Zeit um 1140, in denen die Päpste von Papst Cölestin II. 1143) bis zu Petrus Romanus als letztem mit Sinnsprüchen versehen wurden. Manche Forscher vermuten sogar, dass der heilige Bernhard von Clairvaux daran beteiligt war. Die Liste enthält 111 Texte mit einer besonderen und teilweise geheimnisvollen Darstellung aller zukünftigen Päpste bis zum letzten, der „Petrus Romanus“ genannt wird.
Der 106. Titel in der Reihe, der Papst Pius XII. zuzuordnen ist, ist der Titel „Pastor angelicus“ – „Engelgleicher Hirte“. Er trifft auf ihn zu, weil es in den schwierigen Zeiten des Zweiten Weltkrieges seine Hauptaufgabe war, den von den Engeln an Weihnachten verkündeten Frieden der Welt zurückzubringen. Diese Bezeichnung soll Pius XII. gefallen haben, als ein Film über ihn aus dem Anfang der fünfziger Jahre diesen Titel trug. Ich war in der zweiten Klasse der Sekundarschule, als ich ihn sah. Einen lebendigen Papst anzuschauen, wie er auf der Leinwand zu sehen war, war in jener Zeit beeindruckend.
2. Warum eine Seligsprechung für Papst Pius XII.?
Mit dem Dekret Papst Benedikts XVI. über die Zuerkennung des heroischen Tugendgrades für Papst Pius XII. vom 19. Dezember 2009 ist sein Seligsprechungsprozess einen entscheidenden Schritt vorangekommen. Wir kennen die Reaktionen vieler, die seine Seligsprechung ablehnen. Man kann sich fragen, ob jemand anders als die zuständigen Stellen der katholischen Kirche Kompetenz und Auftrag haben, darüber zu befinden. Die Gegner nehmen für sich in Anspruch, eine bessere Kenntnis zu haben als die, die seit Jahren in beharrlicher und kritischen Untersuchung geprüft haben, ob Eugenio Pacelli/Pius XII. in seiner Haltung und in der Ausübung der verschiedenen Ämter, die er im Laufe seines Lebens innegehabt hat, die christlichen Tugenden bis zum höchsten Grade gelebt und bezeugt hat.
Zwei Bemerkungen zum Thema Seligsprechung:
1. Es handelt sich um ein Verfahren, in dem ein Mitglied der Kirche aufgrund seines Lebens und Wirkens als wahrer Jünger Christi anerkannt wird. Christus lädt uns alle ein, beharrlich in seiner Nachfolge zu stehen. Zweimal sagt er: „Wer bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet“ (Mt 10, 22), d. h. der Gipfel der Vollkommenheit besteht im Gehorsam zu seiner Lehre. Die Standhaftigkeit bis zum Ende bringt Heil (vgl. Mt 24, 13).
2. Die Seligsprechung dient nicht dem Seligen selber – er hat seine Krone schon erhalten -, sondern uns: Sein Vorbild soll uns ein Ansporn für unser Leben als Christen sein. Im Hebräerbrief werden wir eben dazu eingeladen, wenn es dort heißt: „Denkt an eure Vorsteher, die euch das Wort Gottes verkündet haben; schaut auf das Ende ihres Lebens und ahmt ihren Glauben nach“ (Hebr 13, 7)!
Deshalb ist es durchaus angemessen, wenn wir im Leben Pius´ XII. seine Haltung in Bezug auf die sieben Tugenden betrachten, damit wir ihn wirklich kennen lernen, wozu uns das Dekret über die Zuerkennung des heroischen Tugendgrades einlädt. Sie wissen auch, dass uns die Tugenden unter Mitwirkung der Gaben des Heiligen Geistes Kraft verleihen, besser und rascher im Streben nach Vollkommenheit zu wachsen. Deshalb werde ich auch das Wirken des Heiligen Geiste in Eugenio Pacellis Leben einbeziehen.
3. Warum wird Papst Pius XII. missachtet?
Das Engagement Pius´ XII., das jüdische Volk vor der Verfolgung durch das Naziregime zu schützen, auch wenn es ihm nicht gelungen ist, es zu befreien, wird in den elf Bänden – zwölf Büchern – der „Actes et Documents du Saint-Siège relatifs à la seconde guerre mondiale“ (LEV, Cité du Vatican 1976- 1980) dokumentiert. Ich bin immer erstaunt, dass so wenige Kritiker des Papstes dieses Werk kennen und noch weniger es je gelesen haben. Als ich mich in der Päpstlichen Akademie auf den diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhles vorbereitete, habe ich ungefähr acht dieser Bände sorgfältig gelesen. Es ging mir in jener Zeit hauptsächlich darum, die Geschäftsführung der päpstlichen Diplomatie besser kennen zu lernen. Denn durch die Berichte der Nuntien, die Depeschen der römischen Behörden, die Noten und Stellungnahmen zu konkreten Geschehnissen bekam ich Einblick in den Dienst, in den ich eintreten wollte.
Was mich bei dieser Lektüre beeindruckte – die Dokumente sind chronologisch geordnet – war bei allen Beteiligten und vor allem bei Papst Pius XII. die durchgängige beharrliche Haltung der Hoffnung, die meisten Juden aus der Gewalt des Nationalsozialismus befreien zu können. Es ist ja wohl bekannt – ich brauche es hier nicht im Einzelnen darzulegen -, wie die jüdische Gemeinschaft – und zwar nicht nur in Rom – den Einsatz des Papstes zu ihrem Schutz dankbar anerkannt hat. Erst mit dem Erscheinen des Schauspiels „Der Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth im Jahre 1963 schlug die bis dahin allgemeine Wertschätzung in Verachtung um. Ich darf denen, die für eine sofortige Öffnung des Vatikanischen Geheimarchivs mit den Akten des Pontifikats Pius´ XII. eintreten, raten, ihre Kräfte darauf zu verwenden, dass das Geheimarchiv des sowjetischen Geheimdienstes KGB geöffnet wird. Anerkannte Historiker, die sich mit dieser Problematik beschäftigen, kommen auf der Basis verschiedener Quellen mit fortschreitender Sicherheit zu dem Ergebnis, dass die zunehmende Verachtung Pius´ XII. und seine Diskreditierung zur Zeit des Kalten Krieges zwischen den beiden Weltblöcken von Seiten des Ostblocks darauf abzielte, das moralische Gewicht des Heiligen Stuhles in seinem Kampf gegen den atheistischen Kommunismus zu untergraben. Dabei spielte im Kampf gegen den Pacelli-Papst eine besondere Rolle, dass er schon als Staatssekretär unter Papst Pius XI. die Verurteilung des Kommunismus betrieben hatte: Er wurde jetzt als Helfer des Hitlerregimes apostrophiert.
II. Lebenslauf von Eugenio Pacelli (1876-1958)
Ich möchte das Leben des Papstes in fünf Abschnitten behandeln:
1. Geburt und Bildung bis zur Priesterweihe (2. März 1876 – 2. April 1899)
2. Dienst als Angestellter im Staatssekretariat (April 1899 – 1917)
3. Nuntius in München und Berlin (1917 – 1929)
4. Kardinal und Staatssekretär (1930 – 1939)
5. Papst (2. März 1939 – 9. Oktober 1958)
Sein Leben scheint von Anfang an geradlinig auf den Dienst des Heiligen Stuhles ausgerichtet zu sein, und die Wahl dieses Römers zum Bischof von Rom bestätigt das. Vor ihm waren in den letzten 500 Jahren nur fünf Römer auf dem Stuhl Petri: Clemens X. (Emilio Altieri) (1670-1676), Innozenz X. (Giovanni Battista Pamphili) (1644- 1655), Paul V. (Camillo Borghese) (1605-1621), Urban VII. (Giambattista Castagna), der die Kirche nur zwölf Tage im September des Jahres 1580 leitete, und Julius III. (Giovanni Maria Ciocchi del Monte) (1550-1555).
Die meisten sagen, die Familie Pacelli gehöre dem Adelsstand an. Das entspricht aber so wohl nicht den Tatsachen. Der ältere Bruder Eugenios, Francesco, wurde in Anerkennung seiner Verdienste bei den Verhandlungen, die 1929 zu den Lateran-Verträgen führten, von Papst Pius XI. zum Marquis und von Viktor Emanuel III. posthum in den erblichen Adelsstand erhoben.
1. Geburt und Bildung
Die Eltern sind Filippo Pacelli und Virginia Graziosi, eine Juristenfamilie, die schon seit Generationen mit dem Heiligen Stuhl verbunden ist. Der Vater war Konsistorialrat an der Sacra Rota und zeitweise deren Dekan, und der Bruder Francesco wird Mitglied der vatikanischen Kommission bei der Vorbereitung der Lateran-Verträge.
Geboren am 2. März 1876 in der Via degli Orsini im Zentrum Roms, wird Eugenio am gleichen Tag des Jahres 1939, d. h. an seinem 63. Geburtstag, auf den Thron Petri gewählt. Als Kind und Junge besuchte er die Staatsschulen. Seine Aufsätze in der Gymnasialklasse am humanistischen Lyzeum Visconti – er war damals 12/13 Jahre alt – wurden von Ilse-Lore Konopatzki ins Deutsche übersetzt (die 2. Auflage erschien 2001 im Kanisius-Werk). Ich habe sie am Anfang meines Dienstes in Berlin gelesen und bin durch die klare Entschiedenheit beeindruckt, mit der dieser Junge katholische Werte bezeugte – ohne Polemik gegen andere wie seinen Hauptprofessor Ildebrando della Giovanna, und das in der Zeit nach der Eroberung Roms durch die Piemontesen im Jahre 1870, in der die adeligen Familien Roms die den Straßen Roms zugewandten Fensterläden ihrer Paläste bis zum Abschluss der Lateran-Verträge geschlossen hielten.
In seinem Aufsatz „Mein Porträt“ stellt er sich einfach dar und zeigt schon seine Begeisterung für das Wissen: „Die Natur hat mich mit genügender Begabung ausgestattet, mit etwas gutem Willen gelingt es mir daher, viele Dinge zu tun. Ich gehe gerne zur Schule und lerne mit Liebe; denn ich sehe ein, dass alles, was ich jetzt tun kann, mir später von Nutzen sein wird“ (a. a. O. 24). Er gibt sich aber keinen Täuschungen über sich selber hin: „Mein Charakter ist ziemlich ungeduldig und heftig, aber ich fühle die Verpflichtung, ihn durch Erziehung zu mäßigen“ (ebd.). Seinen Durst zu lernen beschreibt er in einem anderen Aufsatz unter dem Titel „Der beste Freund ist ein Buch“ mit den Worten: „Ferner ist ein gutes Buch nicht nur nützlich, sondern es gibt auch Freude, denn es bereichert unseren Geist mit neuen Kenntnissen und erzieht unser Gemüt zu edlen Gefühlen“ (ebd. 30). Bereits mit dreizehn Jahren also bezeugt er Weisheit wie die berühmtesten Philosophen und Denker.
Es ist beeindruckend, was ist der junge Eugenio in seinem letzten Schuljahr – er ist damals 18 Jahre alt – über die unterschiedlichen Schicksale von Büchern schreibt: „Sogar die größten und dabei berühmtesten Schriftsteller, welche allen Wechselfällen gegenüber standhalten, werden dennoch in den verschiedenen Epochen verschieden verstanden und oft auch assimiliert und umgestaltet, wie es mit Virgil im Mittelalter geschehen ist“ (a. a. O. 191).
Eugenio Pacelli hatte keine starke Gesundheit und ging gern während der Ferien auf die römischen Hügel, wo die Familie eine Ferienwohnung besaß. Er konnte aus gesundheitlichen Gründen bei seiner Familie wohnen, als er aus dem Seminar Capranica des Bistums Rom ins S. Apollinare wechseln musste. Zusammen mit anderen Theologen belegte er an der Päpstlichen Universität Gregoriana einen Kurs in Kirchenrecht und wurde an Ostern - am 2. April 1899 – durch den Vizeregens der Diözese Rom, Francesco di Paolo Cassetta, in dessen Privatkapelle zum Priester geweiht, weil er wegen seiner schwachen Gesundheit an der langen Zeremonie in der Lateran-Basilika nicht hätte teilnehmen können.
2. Dienst als Angestellter im Staatssekretariat (April 1899 – 1920)
So konnte der „zerbrechliche“ junge Priester noch drei Jahre sein Studium fortsetzen, bis er es nach dem Doktorat in Kirchenrecht 1902 in S. Apollinare mit dem Doktorat „in utroque iure“ abschloss. Im Herbst wurde ihm an demselben Institut der Kurs „Institutiones iuris canonici“ anvertraut. Von Jahresbeginn 1901 an war er schon Angestellter im Staatssekretariat, als „Lehrling“ („Apprendista“) – wie die Mitarbeiter des diplomatischen Dienstes des Heiligen Stuhles in der Eingangsphase heute immer noch heißen -, bis er am 3. Oktober 1903 Minutante wurde, d. h. Sachbearbeiter und damit vollgültiger Mitarbeiter. Sein Vorgesetzter, Kardinal Pietro Gasparri, bei dem die Federführung für die Vorbereitung des Codex Iuris Canonici lag, machte Eugenio Pacelli zum Sekretär der Kommission zur Vorbereitung des CIC, der daraufhin die Einladung ausschlug, an der Katholischen Universität Washington zu lehren. In jenen Jahren widmete sich der junge Diplomat auch dem Studium der Fremdsprachen; bei der deutschen Sprache tat er es zusammen mit seiner Schwester Giuseppina.
Begabt, wie er anerkanntermaßen war, wurde er schon mit 35 Jahren Untersekretär seiner Abteilung, die in jener Zeit „Kongregation für die Außerordentlichen kirchlichen Angelegenheiten“ hieß und die zuständig war für die Beziehungen zu den Staaten – einem Außenministerium vergleichbar. Am 1. Februar 1914 wurde er bereits mit 38 Jahren deren Sekretär, so dass er unter Papst Benedikt XV. ein wichtiger Mitarbeiter bei den schwierigen Angelegenheiten und vor allem den Friedensverhandlungen am Ende des Ersten Weltkrieges wurde.
3. Nuntius in München und Berlin (1920 – 1929)
Auf positive Zeichen seitens des deutschen Kaisers hin, sich für den Frieden einzusetzen, ernannte der Papst Pacelli am 21. April 1917 zum Nuntius in Bayern und weihte ihn am 13. Mai in der Sixtinischen Kapelle zum Bischof – mit dem Titularbistum Sardes. Am 28. Juni fand in Kreuznach eine Begegnung Pacellis mit Kaiser Wilhelm statt. In seinen Memoiren schreibt der Kaiser über den Nuntius Pacelli: „Pacelli ist eine vornehme Person, die Zuneigung bewirkt. Dank der erhabenen Intelligenz und der vorzüglichen Betragensweise ist er ein würdiger Fürst der katholischen Kirche“ (zitiert bei: P. Blet SJ: Lebenslauf, in: H. Schambeck [Hrsg.], Pius XII. Zum Gedächtnis, Berlin 1977, 9f.). Die Verhandlungen Pacellis im Auftrag des Papstes mit der deutschen Regierung, die das Ziel hatten, am Ende des Ersten Weltkrieges einen Frieden zu vermitteln, sind leider an den Kriegsparteien gescheitert. Im Dezember 1918 und Januar 1919 sollte der Nuntius, um sich der Rache der Revolutionären Bewegung der Münchener Räterepublik, zu entziehen, bei den Schwestern von Menzingen in Rorschach in der Schweiz eine vorübergehende Residenz bekommen - Schwestern dieser Gemeinschaft führten den Haushalt in der Nuntiatur. Am 3. April wurde die Nuntiatur von einer Bande gestürmt und der Nuntius sogar mit einem Revolver bedroht. Der Nuntius hat sich in diesen stürmischen Monaten intensiv für die Hungernden und Bedürftigen eingesetzt.
Nach der Rückkehr der politischen und gesellschaftlichen Ruhe konnte Nuntius Pacelli Verhandlungen über die Beziehungen zwischen Kirche und Staat in Deutschland in Angriff nehmen. Am 30. Juni 1920 konnte er dem Reichspräsidenten Friedrich Ebert sein Beglaubigungsschreiben überreichen, obwohl er seine Residenz einstweilen in München behielt. So war es für ihn leichter, die Verhandlungen mit der Regierung des Freistaates Bayern zugunsten der Sendung der katholischen Kirche zu führen, die mit dem Konkordat vom 29. März 1924 abgeschlossen wurden.
Danach war es Nuntius Pacelli möglich, seine Residenz nach Berlin zu verlegen, wo er am 1. August 1925 als erster der neu ernannten Botschafter beim Deutschen Reich dem am 26. April vom Volk gewählten Reichspräsidenten Paul von Hindenburg sein Beglaubigungsschreiben überreichte. Von dort rührt, so glaube ich - übrigens in Einklang mit der Empfehlung des Wiener Kongresses von 1815 - die in Deutschland bewährte Tradition, dass der Nuntius zugleich Doyen des Diplomatischen Corps ist.
Wie in Bayern, so bemühte sich Nuntius Pacelli nun auch in Berlin sofort, die Sendung der Kirche durch Verhandlungen zu fördern, die dann zum Preußen-Konkordat vom 14. Juni 1929 führten. Am 9. November 1929 verabschiedete er sich vom Reichspräsidenten und wurde im Konsistorium vom 16. Dezember durch Papst Pius XI. ins Kardinalskollegium aufgenommen.
4. Kardinal und Staatssekretär (1930 – 1939)
Schon am folgenden 7. Februar wurde Eugenio Pacelli Staatssekretär zum Nachfolger von Pietro Gasparri (+ 18. November 1934) ernannt, der sein Amt niedergelegt hatte. Das Amt von Gasparri zu übernehmen, war keine leichte Aufgabe, auch nicht für einen vertrauten Mitarbeiter; aber Pacelli war für diese Verantwortung nicht unvorbereitet; für ihn gilt der Spruch: „Der Schüler hat seinen Meister übertroffen.“
Der Gesandte Frankreichs beim Heiligen Stuhl, François Charles-Roux, beschreibt Pacelli als einen „vollkommenen Diplomaten, gewissenhaft und ausdauernd, wenn er die wichtigen Grundstandpunkte des Heiligen Stuhles vertrat, und gleichzeitig versöhnlich und gerecht, unparteiisch, von ängstlicher Rechtschaffenheit“ (Blet, a. a. O. 13).
Aus seiner Verantwortung als Staatssekretär heraus war es der Wunsch Pacellis, die Rechtslage in ganz Deutschland durch ein Konkordat zu sichern, das für alle Länder des Deutschen Reiches die Beziehungen zwischen Kirche und Staat erleichtern sollte. Inzwischen war am 12. Oktober 1932 ein Konkordat mit dem Freistaat Baden unterzeichnet worden. Am 20. Juli 1933 konnte das Konkordat mit dem Deutschen Reich von Pacelli und dem damaligen Vizekanzler Franz von Papen unterzeichnet werden, das am 10. September mit der Ratifizierung - ebenfalls im Vatikan - in Kraft trat. In 34 Artikeln und dem Schlussprotokoll sind die Hauptanliegen der Kirche in Deutschland festgehalten, die sie durch diesen Vertrag gegen vorhersehbare Übergriffe der Regierung zu schützen versucht. Über die Angemessenheit des Reichskonkordats ist schon viel geschrieben worden und wird noch vieles geschrieben werden. Dass es bis heute in Kraft geblieben ist, zeigt, wie es eine bundesweite Rechtssituation für die Beziehungen zwischen Staat und Kirche geschaffen hat, die die folgenden Verträge mit den einzelnen Bundesländern erleichtert hat, in denen deren spezifischen Gegebenheiten Rechnung getragen wird.
Wegen Verletzung des Konkordates durch die Regierung ließ der Staatssekretär verschiedenen Protestnoten senden – ohne Erfolg. Da es um die Verfolgung der Kirche und die Verletzung von Menschenrechten ging, ließ Pacelli im Auftrag des Papstes die fünf deutschen Kardinäle und zwei Bischöfe zu einem Treffen am 12./13. Januar 1937 nach Rom kommen, bei dem es um die Enzyklika „Mit brennender Sorge“ ging. Diese wurde am 14. März unterzeichnet und trotz aller Überwachung durch die Gestapo am 21. März in allen Kirchen verlesen.
Klarstellend ist in dieser Situation die Antwort Pacellis auf den Protest des Botschafters Deutschlands gegen Äußerungen von Kardinal Mundelein von Chicago, der in einer Ansprache an seine Priester gesagt hatte, dass sechzig Millionen Deutsche wie Sklaven unterdrückt würden. Er sagte in seiner Antwort unter anderem: „ Was hat die deutsche Regierung getan, und was gedenkt sie in Zukunft gegen die niederträchtigsten Beschimpfungen und Verächtlichmachungen…, die Tag für Tag in deutschen Zeitungen und Zeitschriften und in Reden auch prominenter Persönlichkeiten gegen die Kirche, kirchliche Einrichtungen, gegen den Papst, gegen Bischöfe usw. erfolgen, zu tun? Ich will Euer Exzellenz die Aufgabe erleichtern, indem ich den ersten Teil der Frage selbst beantworte: Die deutsche Regierung hat - trotz aller Proteste – gegen all das nichts getan. Im Gegenteil …“ (in: Blet, a. a. O. 16). Das war im Mai 1937: mit scharfzüngiger diplomatischer Art, als Dienst an der Wahrheit, mit Würde und sogar feinfühliger Ironie!
Kann man sich vorstellen, dass Eugenio Pacelli als Papst eine solche ihm von Geburt aus eigene Haltung geändert hat?
5. Papst (2. März 1939 – 9. Oktober 1958)
Eugenio Pacelli wurde schon am 2. März 1939 im dritten Wahlgang des Konklaves zum Papst gewählt – wie schon gesagt, an seinem 63. Geburtstag – und nannte sich Pius XII. Papst Pius XI. hatte ihn auf diese Verantwortung vorbereitet, indem er ihn als seinen Legaten an viele Orte der Welt entsandte. Er sagte sogar zu seinen Mitarbeitern: „Er wird ein guter Papst sein.“ Mit seinem bekannten kritischen diplomatischen Feingefühl kommentierte Domenico Tardini, ein enger Mitarbeiter Pacellis im Staatssekretariat: „Der Papst hat nicht gesagt ´wäre´ (sarebbe), sondern ´wird sein´ (sarà).“
Wie unter seinem Bild in der Reihe der Päpste in der römischen Basilika St. Paul vor den Mauern steht, war Pius XII. 19 Jahre, sieben Monate und sechs Tage auf dem Thron Petri. Als Mitarbeiter von Papst Pius XI., der sowohl durch die Enzyklika „Mit brennender Sorge“ vom 14. März 1937 den Nationalsozialismus verurteilte als auch mit der Enzyklika „Divini Redemptoris“ vom 19. März 1937 den atheistischen Kommunismus, wusste Papst Pius XII., wie stark die Sendung der Kirche in der Gesellschaft beeinträchtigt war. Dazu häuften sich die Hinweise auf einen Krieg, so dass seine Antrittsenzyklika „Summi Pontificatus“ vom 20. Oktober 1939 eine „apokalyptische“ Darstellung seines Amtes ist – „apokalyptisch“ dabei in beiden Bedeutungen des Wortes: die menschlich schreckliche Situation und die göttlich tröstliche und siegreiche. Der Zweite Weltkrieg hatte schon am 1. September begonnen. Schon am Tag nach seiner Wahl, am 3. März, richtete Pius XII. in einer Radio-Botschaft – „Dum gravissimum“ - einen Aufruf an die Verantwortlichen der Nationen, alles zu tun, um den Frieden zu erhalten. Bekannt ist auch seine Rundfunkrede vom 24. August 1939 mit einer letzten Warnung an die Mächtigen: „Nichts ist verloren mit dem Frieden, alles kann verloren sein durch den Krieg.“ Am Vorabend aber hatten Deutschland und die Sowjetunion eine Übereinkunft getroffen: einen Nichtangriffspakt, der in Moskau von Ribbentrop und Molotow unterzeichnet wurde.
Der „Pastor angelicus“ war in erster Linie Oberhirt der Universalkirche, und diese seine Verantwortung hat er in verschiedenen Akten und Schreiben wahrgenommen, z. B. in der Enzyklika „Divino afflante Spiritu“ (30. September 1943) über das Studium der Heiligen Schrift. In seinem Motuproprio vom 10. März 1945 ging es um den Gebrauch einer neuen lateinischen Übersetzung der Psalmen im Brevier. Höhepunkt seiner Lehrtätigkeit war die dogmatische Definition der Himmelfahrt Marias, d. h. das Dogma von der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel vom 1. November 1950, nachdem er vorher die Bischöfe in der gesamten Kirche befragt und viele Theologen um eine Stellungnahme gebeten hatte. Ich war elfeinhalb Jahre alt und als kleiner Ministrant froh, damals bei der besonderen Maiandacht in unserer Pfarrkirche mitzuwirken. Wir fühlten uns eins mit dem Papst und begnadet, mit ihm Maria, die Mutter Gottes, auf diese Weise zu ehren.
Wenn man ein ausgezeichnetes Zeugnis für die Vielfalt und Tiefe seiner lehramtlichen Tätigkeit sucht, genügt es, die Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils durchzuschauen: Die Fußnoten enthalten auf fast jeder Seite Verweise auf Schreiben von Papst Pius XII. – es sind insgesamt 213 -, so dass einige schon sagten, ohne ihn wäre das Konzil nicht möglich gewesen.
In den Biographien über Pius XII. können Sie seine vielfältige Wirksamkeit und seine Offenheit für die moderne Welt im Einzelnen kennen lernen.
III. Die Zuerkennung des heroischen Tugendgrades im Rahmen des Seligsprechungsprozesses
Mir scheint es heute wichtig, nachdem das Dekret erlassen ist, das Papst Pius XII. den höchsten Grad der Tugenden zuerkennt, sein Wirken im Lichte der Tugenden zu betrachten.
1. Die Tugenden im allgemeinen
Höchster oder heroischer Grad der Tugenden bedeutet, dass ein Christ unter der Leitung Gottes sein Leben ganz und treu zur Ehre Gottes und im Dienst an seinen Mitmenschen geführt hat, so dass er für die anderen ein Vorbild ist.
Der Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) lehrt uns: „Die menschlichen Tugenden wurzeln in den göttlichen Tugenden, welche den menschlichen Fähigkeiten die Teilnahme an der göttlichen Natur ermöglichen“ (KKK 1812). Also: Der höchste Grad der Tugenden wird erreicht durch die Gnade Gottes; und wenn man den im Leben eines Christen feststellen kann, bedeutet das, dass der Betreffende der Gnade Gottes völlig treu gewesen ist, für den Märtyrer mindestens am Ende seines Lebens, für die anderen, dass sie in der Treue bis zu ihrem Tod gewachsen sind.
Die Tugenden sind untereinander verbunden; so lehrt das Buch der Weisheit: „Wenn jemand Gerechtigkeit liebt, in ihren Mühen findet er die Tugenden. Denn sie lehrt Maß und Klugheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit“ (Weish 8, 7).
Die traditionelle Moraltheologie kennt die drei göttlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe und die vier Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. Jede Tugend enthält aber eine Reihe von menschlichen Eigenschaften, die in ihr ihre Quelle finden – wie z. B. die Demut und die Nüchternheit in der Mäßigung. Alle Tugenden müssen zusammenwirken, damit jemand als Vorbild vorgestellt werden kann, wie der Vergleich mit den kommunizierenden Röhren deutlich macht. Das bedeutet für jede Tugend: Das Maß, in dem sie im Leben verwirklicht wird, bestimmt das Gesamtverhalten mit. So verstehen wir sofort, was es bedeutet, wenn über jemanden gesagt wird: „Ja, der ist sehr fromm, aber er ist auch eitel: Sobald er kritisiert wird, ist er wie eine Mimose.“
2. Der höchste Grad der Tugenden bei Papst Pius XII.
In meiner kurzen Darstellung der sieben Tugenden bei Papst Pacelli begrenze ich mich auf seine Person in der Ausübung des Papstamtes, obwohl für den Seligsprechungsprozess sein ganzes Leben zu bedenken ist, eben weil es um Eugenio Pacelli und Papst Pius XII. geht.
1. Über die göttlichen Tugenden ist leicht zu sprechen, da Papst Pius XII. eine unermüdliche Tätigkeit als Lehrer und Wohltäter ausgeübt hat.
1. Im Glauben ist er hervorragend in seinen dogmatischen Enzykliken. In der Enzyklika „Mystici Corporis Christi“ (29. Juni 1943) über die Kirche als den mystischen Leib Christi stellt er die sichtbaren und die unsichtbaren Elemente der Kirche in ihren gegenseitigen Beziehungen dar. Die Enzyklika „Mediator Dei“ (20. November 1947) über die Liturgie zeigt, wie die Eucharistie das Zentrum des kirchlichen Lebens ist. Die Enzyklika „Haurietis aquas“ (15. Mai 1956) bietet eine grundsätzliche Lehre über das Heiligste Herz Jesu als Quelle des Heiles, während die Enzyklika „Sempiternus Rex Christus“ (8. September 1951) anlässlich des 1500. Jubiläums des Konzils von Chalkedon im Jahre 451 den Glauben bekräftigt, dass Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist.
Die Definition der Himmelfahrt Mariens vom 1. November 1950 durch die Dogmatische Konstitution „Munificentissimus Deus“ bildet sicher den Höhepunkt der lehramtlichen Tätigkeit Pius´ XII. in der Mariologie. Ihm sind wir dankbar, dass er uns zum einhundertsten Jahrestag des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter Maria mit der Enzyklika „Ad coeli reginam“ (11. Oktober 1954) das Fest Maria Königin geschenkt hat.
Im Rahmen seines Dienstes am Glauben sollten wir noch die vielen Vorträge, Ansprachen und Stellungnahmen erwähnen, die Papst Pius XII. zum Schutz des Lebens, der Familie, der Ehe – ungefähr 1400 Ansprachen an unterschiedliche Adressaten gerichtet - gehalten bzw. abgegeben hat, so etwa über künstliche Befruchtung an katholische Ärzte (29. September 1949).
Auch zu der heutzutage wieder viel diskutierten Problematik der Beziehungen zwischen Glauben und Vernunft finden sich grundsätzliche Untersuchungen in der Enzyklika „Humani generis“ (12. August 1950), die auf dem Konzil und noch heute viel zitiert wird.
Insgesamt gibt es 41 Enzykliken von Pius XII., die das ganze Spektrum der Glaubenslehre beleuchten.
In allen hat der Papst den Glauben klar dargestellt und verteidigt, um die Gläubigen im Glauben zu bestärken – und das in allen Lebensbereichen in Treue zur lebendigen Tradition der Kirche.
2. Aus der Haltung der Hoffnung heraus hat Pius XII. nicht nur während der Kriegszeit mit all seinen Appellen und Aktionen zugunsten des Friedens sein Hirtenamt ausgeübt, sondern sich insgesamt dafür eingesetzt, dass das christliche Volk die ihm im Glauben anvertrauten himmlischen Gaben nutze und fruchtbar mache.
Viel hat er als sorgfältiger Beobachter der Zeichen der Zeit zu sozialen Fragen gesagt, z. B. über die Notwendigkeit, die Frauen in größerem Maße am öffentlichen Leben teilhaben zu lassen und ihnen in der Politik, in der Wirtschaft und in der Kultur mehr Einfluss zu geben. Wie man in dem Sammelband „Der Papst an die Deutschen“ (Frankfurt /M. 1956) nachlesen kann, wendet er sich etwa speziell an die Frauen unter den Stichwörtern: Lehrerin, Beruf, Gegenwart, Rechte und etlichen anderen. Er hat so das, was wir heute Katholische Soziallehre nennen, entschieden weiterentwickelt.
Hoffnung wird beschrieben als „jene göttliche Tugend, durch die wir uns nach dem Himmelreich und dem ewigen Leben als unserem Glück sehnen, indem wir auf die Verheißungen Christi vertrauen und uns nicht auf unsere Kräfte, sondern auf die Gnadenhilfe des Heiligen Geistes verlassen“ (KKK 1817). „Wie im Himmel, so auf Erden“, beten wir im Vaterunser. So wünschte Papst Pius XII., durch sein Amt diese unsere Welt immer mehr zum Gotteswerk zu formen – entsprechend der Lehre Christi, wie sie besonders in der Bergpredigt zusammengefasst ist. Menschlich gesehen, eine schier unmögliche Verantwortung, doch mit der Hilfe Gottes ist jede menschliche Situation in der Beziehung zum Willen Gottes zu verbessern.
3. Um die Liebe geht es in dem Doppelgebot: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit allen deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mt 22, 37f.).
Das ganze Pontifikat des Papstes ist Erweis seiner Hingabe an Gott; und als „Pastor angelicus“ war er sich bewusst, dass er im Namen Gottes diese Liebe der Menschheit mitteilen soll. Während des Krieges hat er viel getan - in Rom und in ganz Europa -, damit die Opfer von Krieg und Verfolgung beschützt und – soweit möglich – verschont würden. Aus Liebe hat sich der Papst mit Hilfe seiner Nuntien dafür eingesetzt, den Krieg zu vermeiden und im Krieg den Frieden wiederherzustellen. Die Liebe ist ja die Form aller Tugenden und bringt diese zur Vollkommenheit. Deshalb bestätigt das Dekret, das Papst Pius XII. den heroischen Tugendgrad zuerkennt, dass er die Liebe zu Gott und zum Nächsten auch im höchsten Grad besitzt.
2. Die Kardinaltugenden
1. Die Klugheit macht die praktische Vernunft bereit, „in jeder Lage unser wahres Gut zu erfassen und die richtigen Mittel zu wählen, es zu erlangen“ (KKK 1806). Die Vorsicht ist ihr direkter Ausdruck, damit in ihr die anderen Tugenden Regel und Maß finden. „Die Klugheit lenkt unmittelbar das Gewissensurteil“ (ebd.).
Jetzt wollen wir die Anklage bedenken, die gegen das Verhalten von Pius XII. im Zusammenhang mit der Judenverfolgung erhoben worden ist. Ich frage mich, ob wir uns in seine konkrete Entscheidungssituation versetzen können, ob wir die einzelnen Umstände kennen und über die Informationen verfügen, die zu einem bestimmten Gewissensurteil führten. Vielleicht ist Ihnen bekannt, dass der letzten Verlautbarung des Präfekten des Vatikanischen Archivs zufolge die Periode des Pontifikats bis 1945 in fünf Jahren zugänglich sein wird. Historiker, die die Ereignisse jener Zeit im Lichte jener Zeit betrachten, werden uns sicher bezeugen, dass Papst Pius XII. nach seinem Gewissen gehandelt hat – mit Vorsicht und Großzügigkeit, um so viele Juden wie möglich zu retten, wie die meisten Zeugen – besonders in Rom – es sofort nach dem Krieg und bei seinem Tod bestätigten.
Die Klugheit oder Vorsicht des Papstes bei einer geplanten Aussage über die Verfolgung der Juden bezog sich weniger auf die Konsequenzen für ihn selber, als vielmehr auf die für die Verfolgten und darüber hinaus für die Katholiken in den Gebieten unter deutscher Kontrolle. Es ist ja bekannt, dass Schwester Pasqalina Lehnert, die ihm den Haushalt führte, berichtet, dass Pius XII. in die Küche kam, um den Entwurf einer Stellungnahme zur Verfolgung der Juden in den Niederlanden im Küchenofen zu verbrennen, nachdem er gerade erfahren hatte, dass dort eine neue und noch schärfere Verfolgung stattgefunden hatte, nachdem die katholischen Bischöfe und die evangelischen Pastoren gegen frühere Maßnahmen der Nazis protestiert hatten. Zu den Opfern gehörten bekanntlich auch Edith Stein und ihre Schwester Rosa. Für seine eigene Person aber war der Papst bereit, ins Gefängnis zu gehen und auch den Tod zu erleiden.
Unmittelbar nach dem Krieg machte der Anwalt Josef Müller aus Bayern (1898-1979), der dem Geheimdienst von Admiral Canaris angehörte, eine Aussage, die aufschlussreich ist. Dieser Geheimdienst arbeitete gegen den Nationalsozialismus, wie man weiß. Müller wurde nach Rom geschickt, um Pius XII. wissen zu lassen, welche Pläne diese Oppositionsgruppe hatte, um Hitler zu stürzen. Der Papst wurde dazu ausgesucht und eingeladen, diese Pläne an die Engländer weiterzuleiten, damit diese sie als glaubwürdig ansähen. Pius XII. hatte persönlich mitgewirkt, indem er den britischen Gesandten Francis D´ Darcy Osborne gebeten hatte, diese Informationen nach London weiterzuleiten. Als das Komplott aufflog, wurde Müller gefangen genommen; aber anders als andere hohe Persönlichkeiten wurde er für einen möglichen Gefangenenaustausch festgehalten. Sofort nach dem Ende des Krieges konnte er nach Rom kommen. Am 2. Juni, nachdem Pius XII. vor den Kardinälen seine berühmte Ansprache über den Krieg mit der Verurteilung des Nationalsozialismus gehalten hatte, begegnete Müller dem Vertreter des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Harold Tiltman, und verteidigte die Haltung des Papstes, der sich in der Zeit des Krieges einer solcher Verurteilung enthalten hatte. Warum? Weil die Nationalsozialisten den Papst beschuldigt hätten, die Alliierten zu unterstützen, was direkte nachteilige Konsequenzen für die Katholiken und den Widerstand gehabt hätte. In Deutschland selbst war es Sache der Bischöfe, den Nationalsozialismus scharf anzugreifen. In dieser Beziehung hat sich Papst Pius XII. an solche weise Ratschläge gehalten (vgl. Roberto Pertici, Se la storiografia ignora testimonianze, in: L’Osservatore Romano 6. Februar 2010).
Auch wegen des Schweigen Pius` XII. bezüglich der Deportation von Juden aus Rom im Oktober 1943 wie auch der Massaker an Juden in Ungarn im November 1944 wird nur der Papst angeklagt. Im ersten Fall aber wollte er lieber nichts sagen, um die vielen Juden, die sich im Schutz kirchlicher Institutionen in Rom befanden, nicht zu gefährden; im zweiten Fall bat der britische Botschafter, das Massaker der Deutschen streng zu verurteilen, aber nichts zu sagen über die gleichen Massaker in Polen und den baltischen Staaten, die dort durch sowjetische Truppen verübt worden waren – die in jener Zeit Alliierte waren. Pius XII. war eben überparteilich und nicht nur neutral, seine Stimme sollte jede unmoralische Haltung im Krieg bedenken. Das, was geschehen war, war schon Bestandteil der grausamen Geschichte geworden; es zu verurteilen, hätte nur neuen Schaden verursacht. In einem Gespräch mit P. Paolo Dezza SJ anlässlich der Exerzitien im Dezember 1942 sagte Papst Pius XII.: „Die Leute beklagen sich, dass der Papst nicht dazu spricht. Der Papst kann aber nicht sprechen. Würde er sprechen, wäre es schlimmer“ (vgl. L’Osservatore Romano 1./ 2. Februar 2010).
Wenn wir noch Beweise haben wollen, dass Papst Pius XII. alles getan und gesagt hat, um die Juden gegen die Nazis zu verteidigen, können wir sie auf der höchsten Ebene des Nationalsozialismus suchen: Nach der Radiosendung von Weihnachten 1942 schreibt das Reichssicherheitshauptamt: „Wie nie zuvor hat der Papst die neue nationalsozialistische Ordnung in Europa zurückgeworfen. … Er beschuldigt virtuell das deutsche Volk des Unrechts gegen die Juden und macht sich zum Fürsprecher der jüdischen Kriegsverbrechen“ (vgl. L’Osservatore Romano 1./ 2. Februar 2010).
Brauchen wir noch andere Beweise, um die Stimme des schweigenden Papstes zu hören?
2. Streng genommen, geht es hier um die Tugend der Gerechtigkeit: Sie ist „der beständige, feste Wille, Gott und dem Nächsten zu geben, was ihnen gebührt“ (KKK 1807). Der „Katechismus geht darüber hinaus und sagt: „Gerechtigkeit gegenüber Menschen ordnet darauf hin, die Rechte eines jeden zu achten und in den menschlichen Beziehungen jene Harmonie herzustellen, welche die Rechtschaffenheit gegenüber den Personen und dem Gemeinwohl fördert“ (ebd.).
Als Oberhirte der Universalkirche hatte Papst Pius XII. also im Krieg und nachher zur Wiederherstellung einer friedlichen Gesellschaft eine universale Verantwortung auszuüben. Im Krieg ließ er mehrmals seine Besucher wissen, dass er nicht „neutral“, sondern „überparteilich“ sei, weil „neutral“ zu sehr den Charakter hätte, er kümmere sich nicht um die Positionen der kriegführenden Parteien. Diese Grundhaltung der Überparteilichkeit hat er von Anfang an in allen Diensten und Aufgaben eingenommen.
Seine Aussagen zur Verteidigung der Menschenwürde, seine Bereitschaft, selber in Kontakt mit den kriegführenden Mächten zu treten, bezeugen hinreichend, wie hoch er die Gerechtigkeit schätzte und ihre Umsetzung wünschte. Auch seine Befürwortung und Unterstützung für die Gründung der UNO zeigt, wie er das Recht zugunsten aller Völker und aller Menschen förderte.
3. Die Tapferkeit war bei Pius XII. gleichsam eine angeborene Tugend, wie man schon in seinen jungen Jahren, in der Zeit des Gymnasiums, in seinen Aufsätzen lesen kann. Tapferkeit ist sicher unter der Leitung der Klugheit auszuüben. Man weiß z. B., wie Nuntius Pacelli München für einige Monate verlassen hat, um sich der Wut der Revolutionäre zu entziehen. Als Papst war er – wie schon erwähnt – bereit, den Tod auf sich zu nehmen, um die Ehre seines Amtes zu verteidigen.
Tapfer war Eugenio Pacelli, als er in einer für Kirche und Welt schwierigen Zeit das Pontifikat annahm. Als Staatssekretär wusste er wohl, wie die Weltlage Anfang 1939 war. Gott verlangte von ihm eine totale Hingabe und Disponibilität.
4. Schließlich ist noch von der Mäßigung als jener Tugend zu sprechen, die unter allen Umständen „das rechte Maß einhalten lässt“ (KKK 1809). Sie war bei Papst Pacelli in höchstem Maße gegeben. Erstens im Hinblick auf die eigene Person: Er hatte von Jugend an eine schwache Gesundheit und musste beim Essen darauf Rücksicht nehmen, worüber er nie klagte. Wenn er bei den Feierlichkeiten auf der „sedes gestatoria“ in den Petersdom einzog, nahm er den Applaus mehr als etwas seinem Amt denn seiner Person Geltendes entgegen. Wir wissen alle, dass für Menschen in hohen Positionen solche „pompöse“ Veranstaltungen oft mehr ein Kreuz als eine Freude sind.
Das rechte Maß im Sinne der Mäßigung wird auch in den Veröffentlichungen und Ansprachen des Papstes sichtbar. Die Texte – besonders bei schwerwiegenden Protestnoten – wurden lange bearbeitet, bis er nach Beratung mit den engsten Mitarbeitern zufrieden war. Auch dabei hatte er die „federführende“ Rolle.
Schließlich muss ich noch hinzufügen, dass alles das, wovon hier die Rede war, nur möglich war unter der Führung und in der Kraft des Heiligen Geistes. Ein Mensch – sei er Papst oder Mönch – kann nicht aus sich den höchsten Grad der Tugenden erreichen und erleben. Er braucht dazu die Gnade des Lichtes und der Kraft des Heiligen Geistes, die Hilfe der Sakramente, damit er treu und beharrlich sein Leben, sein Amt, seine Verantwortung vor Gott und den Menschen vorbildlich führt.
Dass Papst Pius XII. so gelebt hat, hat Papst Benedikt XVI. mit dem entsprechenden Dekret vom 19. Dezember ihm zuerkannt.
Ich danke Ihnen.