Grussworte

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Grußwort
des Apostolischen Nuntius,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
auf der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz

(Fulda, 21. September 2009)




Sehr geehrter Herr Vorsitzender,
sehr geehrte, liebe Mitbrüder!

In meinem Grußwort anlässlich der Eröffnung Ihrer diesjährigen Herbstvollversammlung möchte ich heute Nachmittag über drei Themen sprechen: über ein „Nichtereignis“- wenn Sie so wollen - und zwei Hauptereignisse.

1. Die Verschiebung des Papstbesuches in Deutschland auf die Zeit nach 2010 sollte genutzt werden, in der Zwischenzeit unsere Hoffnungen und Erwartungen zu vertiefen. Es wurden ja im letzten Jahr und bis vor kurzem Einladungen ausgesprochen und sogar Programme erstellt, die der Vorbereitung des Pastoralbesuches dienen sollten. Alles das ist nicht umsonst gewesen, wie auch die Verschiebung des Besuchs fruchtbar gemacht werden kann. Wir werden später verstehen, warum es bei der Entscheidung über die Besuchsziele für das Jahr 2010 im Hinblick auf das Wohl der Gesamtkirche eine Priorität für andere Ortskirchen und Nationen gegeben hat. In dieser Beziehung können wir das Warten als ein Opfer zugunsten der Brüder und Schwestern in anderen Ländern annehmen, und das ist im gesamten kirchlichen Leben unsere Art, mit anderen etwas zu teilen. Das „Nicht“ auf unserer Seite wird zu einem „Ja“ für andere. Das entspricht dem Wort des Apostels Paulus in seinem Zweiten Brief an die Korinther, mit dem er um die Unterstützung der Gemeinde in Jerusalem wirbt, „damit auch ihr Überfluss einmal eurem Mangel abhilft. So wird ein Ausgleich entstehen“ (2 Kor 8, 14). Gemäß dem Spruch „Alles ist Gnade“ sollen uns diese für uns widrigen Umstände Gnade werden.

2. Ein Hauptereignis für uns alle ist die Veröffentlichung der Enzyklika „Caritas in Veritate“ am 7. Juli, in der Papst Benedikt XVI. die ganze Kirche und sogar die ganze Weltgesellschaft dazu ermahnt, immer bewusster ethisch und solidarisch zu handeln. Der Schluss der Enzyklika ist für uns wie ein Vademekum unserer Verantwortung als Mitträger der Hirtensorge für die Weltkirche, wenn Papst Benedikt schreibt: „Die Entwicklung [der Welt] beinhaltet Aufmerksamkeit für das geistliche Leben, ernsthafte Beachtung der Erfahrung des Gottvertrauens, der geistlichen Brüderlichkeit in Christus, des Sich-Anvertrauens an die göttliche Vorsehung und Barmherzigkeit, der Liebe und der Versöhnung, des Selbstverzichts, der Annahme des Nächsten, der Gerechtigkeit und des Friedens“ (CiV 79). Aus einem solchen Programm ergeben sich für uns vielfältige Aufgaben, geht es doch darum, aus ihm heraus das gesellschaftliche Leben in unseren Bistümern immer neu mit kräftigen christlichen Impulsen zu beseelen. Wir sehen schon Veranstaltungen über die Enzyklika angekündigt, besonders in Katholischen Akademien. Die Enzyklika wird uns ein Ansporn für unsere bischöfliche Verantwortung sein, auf dass wir immer mehr dem Schriftgelehrten gleichen, „der aus seinem Vorrat Neues und Altes hervorholt“ (Mt 13, 52). Die Soziallehre der Kirche ist wie ein Bergwerk, aus dem wir je nach den konkreten Zeitumständen Anweisungen, Richtlinien und Material für die Entwicklung der Welt entnehmen können.

Es werden viele Mittel für die kontinuierliche Bildung in allen gesellschaftlichen und kirchlichen Belangen entwickelt und angeboten. Wäre diese Enzyklika „Caritas in Veritate“ – wie auch andere Dokumente unseres eigenen Magisteriums – nicht ein geeignetes Mittel für unsere eigene fortwährende Hirtenbildung?

3. Der dritte Punkt dieser meiner Ansprache ist den diesjährigen besonderen Gedenktagen der Geschichte Deutschlands gewidmet: Vor 70 Jahren begann der Zweite Weltkrieg, vor 60 Jahren trat das Grundgesetz in Kraft, und vor 20 Jahren fiel die Berliner Mauer. Der Kirche, die solche Ereignisse als Zeichen der Zeit sieht, obliegt die Pflicht, „sie im Lichte des Evangeliums zu deuten“, wie die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ formuliert (Gaudium et spes 4). So kann sie dann in Erinnerung an die geschichtlichen Ereignisse, wie es weiter heißt, „in einer der jeweils einer Generation angemessenen Weise auf die bleibenden Fragen der Menschen nach dem Sinn des gegenwärtigen und des zukünftigen Lebens und nach dem Verhältnis beider zueinander Antworten geben“ (ebd.). In dieser Beziehung verwende ich gern den von Papst Johannes Paul II. öfter gebrauchten Ausdruck „purificatio memoriae“. Bei dem Terminus memoria geht dabei nicht um ein Gedächtnis, das sich auf eigene Schuld bezieht, sondern darum, dass man im Wissen um die Schuld und Unzulänglichkeit bei dem, was in der Vergangenheit geschehen ist, nicht dabei stehen bleibt, sondern – und das meint purificatio - auf seinem Hintergrund die Aufgaben der Gegenwart versöhnt angeht. Damit geben wir dem römischen Politiker und berühmten Redner Cicero recht, der sagte: „Historia est magistra vitae“ (De oratione II, 9). Ich freue mich, öfters zu Gedenkfeiern eingeladen zu werden und erkenne dabei, dass die Kirche in Deutschland in der lebendigen Tradition mit den Ereignissen in ihrer Vergangenheit lebt. Auch die weltliche Geschichte ist der Erinnerung wert, wie Ihr Treffen und das feierliche Pontifikalamt mit den Vertretern der polnischen Bischofskonferenz am 30. August in der St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin deutlich machten.

Ich wünsche Ihnen für diese Vollversammlung, dass Ihre Beratungen eine reiche Ernte an Erfahrungen, Anweisungen und Mahnungen für Ihre tägliche Hirtensorge bringen, auf dass das Ihnen anvertraute Gottesvolk unter Ihrer Leitung immer besser zur Quelle der Gnade finde. Das „Priesterjahr“, in dem wir stehen, gibt uns im Vorbild des heiligen Pfarrers von Ars eine ausgezeichnete Hilfe, wenn wir, wie wir es im Tagesgebet seines Festes von Gott erbitten, uns um „die Geduld und die Sorge eines guten Hirten“ bemühen.

„Geduld und Sorge“: damit machen wir unseren Hirtendienst sicher erfolgreich.

+ Jean-Claude Périsset
Apostolischer Nuntius