Predigten

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Pontifikalamt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
beim 97. Deutschen Katholikentag
(Osnabrück, Dom St. Petrus, 24. Mai 2008)




Predigt:


Schwestern und Brüder in Christus!

„Wie Weihrauch steige mein Gebet vor dir auf“ (Ps 141, 2)! lautet das Thema dieser festlichen Eucharistiefeier, „Wie Weihrauch!“ sagt der Psalmist und beschreibt mit diesem Vergleich sein Gebet. Warum „wie Weihrauch“?

Als Antwortruf auf die einzelnen Fürbitten werden wir später singen: „Mein Beten steige vor dir auf wie Weihrauch, Herr, vor deinem Angesicht“, während der Diakon Weihrauchkörner in die Schale vor dem Altar legt. Warum dieses Bild?

Weil der Weihrauch, den wir vor dem Altar aufsteigen sehen, eben verschiedene Seiten hat, die geeignet sind, in Bildern etwas über das Gebet zu sagen.

1. Im Gebet geht es um unsere Beziehung zu Gott. Wie die Beziehung des Kindes zu seinem Vater von Vertrauen bestimmt ist, so schauen wir Menschen mit Vertrauen auf Gott. Er ist der Heilige, er ist der Quell unseres Lebens, der Allmächtige, der uns zur Vollendung unseres Lebens führt. Die Menschen zur Zeit Jesu spürten und ahnten, dass dieser Gott des Lebens in Jesus unter ihnen war. Darum brachten, von diesem Vertrauen beseelt, Mütter und Väter ihre Kinder zu Jesus, „damit er ihnen“ – wie es im Evangelium heißt – „die Hände auflegte“ (Mk 10, 13), d. h. sie segnete. Das Gebet geht immer aus dem Inneren, dem Herzen des Menschen hervor, der in Gott Stille und Freude sucht.

Sehen Sie, wie der Weihrauch immer höher steigt, unaufhaltsam und geräuschlos. Damit wir im Gebet in eine enge Verbindung mit Gott treten können, brauchen wir Zeit innezuhalten, tief in innerer und äußerer Stille gesammelt – eben wie Weihrauch, der allmählich den ganzen Dom erfüllt, ohne ein Geräusch zu verursachen.

Eine solche Gebetshaltung liegt auch auf der Linie des Mottos des diesjährigen Katholikentages „Du führst uns hinaus ins Weite“ (Ps 118, 20), wobei das „hinaus“ uns auch nach oben weist, d. h. „hinauf“, und „das Weite“ die unendliche und unbegrenzte Weite Gottes meint. Die Erfahrung mit dem Weihrauch vor dem Altar sollte uns eine Einladung und ein vertiefter Ansporn sein, dem Gebet - dem persönlichen und auch dem gemeinschaftlichen – einen festen Platz in unserem Tagesablauf einzuräumen.

2. Wozu nun sollte unser Gebet wie Weihrauch zu Gott aufsteigen? Wenn der Psalmist ein solches Bild verwendet, will er uns zu einer bestimmten Haltung vor Gott zu führen. Der aufsteigende Weihrauch kann unter verschiedenen Aspekten betrachtet werden und wirkt in unterschiedlicher Weise auf unsere Sinne ein:

-    auf die Augen: der Weihrauch erscheint uns wie eine Wolke, die sich langsam verteilt und den Raum ausfüllt; er lässt keine Ecke des Doms unberührt. Ähnlich erstreckt sich unser Gebet auf alle Personen und Taten, mit denen wir zu tun haben, wir stellen sie vor Gott. Sogar unsere Zerstreuungen werden einbezogen und Gott hingehalten. So schließt unser Gebet alle und alles mit ein, damit das Reich Gottes in allen und allem komme;
 
-    Weihrauch wirkt auf unsere Ohren: der Weihrauch steigt ohne Lärm und ohne Geräusch auf. Man hört kaum ein leises Knistern, wenn man die Rauchkörnchen auf die glühende Kohle legt. So ist es auch mit unserem Gebet in der Stille der Betrachtung und in dem inneren Frieden, den es schenkt. Die Heiligen, die zum Höhepunkt des Gebetes gelangt sind, haben diese Stufe des wortlosen Gebetes erreicht, wenn sie vor Gott stehen, um IHN zu hören, um nur Gott sprechen und erscheinen zu lassen;

-    auch unser Geruchssinn ist einbezogen: der Weihrauch hat eine starke Wirkung, so dass manche Menschen allergisch auf ihn reagieren. Er durchdringt uns so weit, dass unsere Kleider auch am nächsten Tag noch nach ihm riechen. Das bedeutet: wenn wir nach draußen gehen, nehmen wir seinen Geruch mit. Ist das nicht eine Einladung, dann, wenn wir sozusagen in der Welt sind, ausdrücklich aus dem Bewusstsein unserer Verbundenheit mit Gott zu leben, zu dem unser Gebet wie Weihrauch aufsteigt? Sind wir nicht als Kinder Gottes ihm ähnlich geworden, um seinen Willen „wie im Himmel so auf Erden“ geschehen zu lassen? Deshalb lädt uns der hl. Jakobus in der Tageslesung zum Gebet in traurigen wie in fröhlichen Lebensumständen ein, und auch im Falle von Krankheit und Sünde, damit wir alle durch und in Gott gerettet werden;

-    schließlich ist auch unser Tastsinn betroffen: der Weihrauch ist nicht zu ertasten - wie auch unser Gebet -, obwohl beides gegenwärtige Realitäten sind. Das Gebet ist keine Illusion, als ob wir uns selbst täuschen würden. Es ist wie der Weihrauch etwas Wirkliches, das auf seine Umgebung Wirkung ausübt - auf eine ihm eigene Art und Weise. Unser Gebet beeinflusst unsere Umgebung, unsere Lieben, die ganze Welt in der Weise Gottes, d. h. geistig, indem es Gottes Gnade auf alle und alles herabruft, damit „sein Name geheiligt“ werde.

3. Es bleibt uns, jetzt zu dem Psalm zurückzukehren, aus dem unser Vers genommen ist, um seine volle Bedeutung für unsere Haltung als Glaubende auszuschöpfen. Der betende Psalmist ist in großer Not; er fühlt sich von gottlosen Feinden unterdrückt und wünscht, diese zu überwinden – aber mit dem Waffen der Gerechtigkeit, der Sanftmut und der Liebe, d. h. nach Gottes Art und Weise. Er zählt nur auf Gottes Hilfe. Er kennt seine eigene Schwachheit, daher verlässt er sich auf Gottes Kraft und Weisheit. Wie hätte er sich auch angesichts seiner innerlich und äußerlich so bedrohlichen Lage besser beruhigen können, als sein Gebet wie Weihrauch vor Gott aufsteigen zu lassen? Das Anschauen, die Stille, der Geruch und die Untastbarkeit des Weihrauchs sind Mittel, die ihm Zuversicht und Sicherheit geben, die sein Vertrauen in Gottes Hilfe stärken und vermehren. Der Weihrauch bleibt sich immer gleich in seinen Wirkungen und Wirkweisen, so beharrlich soll der Glaubende in seinem Gebet zu Gott sein.

4. Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, der Weihrauch, der uns als gleichsam tätiges Gleichnis verschiedene Facetten unseres Betens sichtbar macht, dient in seiner konkreten Anwendung im Inzens des Altares dazu, Christus, in dem Gottes Heilszusage Fleisch geworden ist und den der Altar symbolisiert, zu ehren. Die Verhüllung des Altars im Inzens öffnet uns ein Fenster, durch das dem Auge unseres Herzens ein vertiefter Blick auf jenes Geheimnis unserer Erlösung gewährt wird, das in jeder Eucharistiefeier auf dem Altar Wirklichkeit ist, auf die Hingabe unseres Herrn am Kreuz.

Auch im Vers des Psalmisten steht im Vordergrund nicht der Weihrauch, sondern Gott oder - besser gesagt – der Beter in seiner Beziehung zu Gott.

Der Apostel Paulus geht noch einen Schritt über die Aussage des Psalmisten hinaus, wenn er in seinem Zweiten Brief an die Korinther die Christen als „Christi Wohlgeruch für Gott unter denen, die gerettet werden“ (2 Kor 2, 13) bezeichnet.

Bitten wir den Herrn in dieser heiligen Liturgie: Gib uns Kraft, dass wir vor dir wie Weihrauch sind, der zu dir aufsteigt, und lass die Kirche auch durch unser Sein und unser Tun zur Hoffnung für alle Menschen guten Willens werden.

Amen!