Predigten

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Eucharistiefeier
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
bei der Mitgliederversammlung der Deutschen Ordensobernkonferenz
(Vallendar, 16. Juni 2008 )





Einführung:

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

„Die Eucharistie bildet die Kirche“: Heute wollen in, durch und mit Christus seine Kirche bauen. Unsere Zusammenarbeit schöpft von Christus her – er ist das lebendige Wasser und das Brot des Lebens – ihre Kraft und ihren Anstoß für das geweihte Leben in Deutschland. Mit dem Vers aus dem Antwortpsalm flehen wir zu Gott, wenn wir uns selbst schwach fühlen, wie der arme Nabot vor dem König Ahab und seiner Frau Isebel, wenn unser Leben von unseren Zeitgenossen nicht verstanden oder sogar verleumdet wird.

Möge der barmherzige Gott uns erneuern und in unserer Hingabe an ihn und in der Hinwendung zu unseren Mitmenschen unsere Unvollkommenheiten und Sünden vergeben.

Predigt:

Schwestern und Brüder im Herrn!

Die Anweisung Christi ist für uns klar: „Wer dich bittet, dem gib“. Diese Anweisung ist so umfassend und weit, dass dieses „wer“ im täglichen Leben zu Überraschungen führen und uns vor unerwartete Situationen stellen kann. Wenn Christus von uns verlangt, dass wir in den Beziehungen zu unseren Mitmenschen Blankoschecks unterschreiben – und zwar keine ungedeckten -, dann weiß er, dass eine solche Großzügigkeit für uns eine reale Möglichkeit ist, und, wo ihre Quelle liegt. Denn hat er uns nicht – in derselben Bergpredigt – auch gesagt: „Seid also vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ (Mt 5, 48)? Es geht also zuerst um unsere Verbindung mit Gott, wenn wir uns im täglichen Leben durch Nächstenliebe in den Dienst den anderen stellen.

Betrachten wir deshalb diese Forderung Jesu, indem wir an das „wer“ anknüpfen. Wie die modernen medizinischen Geräte das Innere unseres Körpers durchleuchten, um uns die bestmögliche Diagnose unseres körperlichen Zustandes zu geben, so sollten wir mit Hilfe der Weisheit Gottes – der ersten der sieben Gaben des Heiligen Geistes – unsere innerste Geisteshaltung durchleuchten, damit wir genauer sehen, was wir zu verbessern haben.

1. „Wer“ also ist es, der uns bittet? Das sind in unserem Lebensumfeld in erster Linie die Mitschwestern und Mitbrüder der jeweiligen Gemeinschaft. Nicht wir selber, sondern unsere Kapitel oder Oberen, die unsere Rätinnen oder Räte bestimmt haben. Das bedeutet auf unserer Seite, wir müssen realistisch sein und handeln. Was wir denen geben müssen, ist eine Führung, an der sie auch teilhaben. Zu diesem Punkt zitiere ich gern den Codex Iuris Canonici, der die Beziehung des Oberen zu seinem Rat eindeutig und klar festlegt, damit das Amt und die Würde aller Mitbrüder und Mitschwestern im Rat im Falle einer Entscheidung gewahrt bleiben. Im CIC heißt es:
„Obgleich der Obere keineswegs verpflichtet ist, sich ihrer (der Ratsmitglieder) wenn auch übereinstimmenden, Stellungnahme anzuschließen, darf er dennoch ohne einen seinem Ermessen nach überwiegenden Grund von deren Stellungnahme, vor allem von einen übereinstimmenden, nicht abweichen“ (Can 127, § 2, 2°).

Es geht also um das Mitwirken im Sinne der „communio“, die die Struktur der Kirche auf allen Ebenen durchzieht. Das „Geben“ im Sinne eines Nachgebens gegenüber einer übereinstimmenden Meinung oder im Sinne der Haltung des Hörens auf den Ordensrat verlangt öfters von Oberinnen und Obern eine ungewöhnliche Zurückhaltung, die mit Demut verbunden ist. Eben auch in einer solchen Angelegenheit ist es für uns nötig, uns an die Anweisung Christi an seine Jünger zu erinnern: „Wer unter euch der erste sein will, sei der Knecht aller“ (Mk 10, 44).

Das tägliche Miteinander-Leben in der Gemeinschaft ist manchmal eine dauernde Bitte, der wir Tag für Tag nicht widerstehen dürfen, wenn wir der Großzügigkeit Gottes entsprechen wollen. Sie wissen ja wohl, wie die sogenannte „kleine“, aber in der Nachfolge Christi große Therese von Lisieux gerade an ihrem Platz in der Kapelle die ständige Ungeduld einer an ihrer Seite stehenden Mitschwester – besonders beim Rosenkranz – erduldete. „Geben“; ja, sogar den Mantel zu dem Hemd – zwei Meilen, und nicht nur eine auf dem gemeinsamen Weg zur Vollkommenheit – wäre unmöglich, wenn wir uns darin nicht ständig von Gott unterstützt und getragen wüssten. Die Liebe ist ja nicht tätig ohne Glauben, und beide gehen mit der Hoffnung in der Mitte, die wie eine kleine Schwester ihre älteren Geschwister ständig weiter nach vorn antreibt.

2. „Wer“: damit ist in unserer Betrachtung auch jeder und jede gemeint, mit denen wir zu tun haben. Wie wissen wohl, wie anstrengend gewisse Bitten für uns sind, wenn wir auf sie nicht sofort eine ausreichende Antwort geben können, sei es, weil wir nicht die nötigen Hilfsmittel zur Verfügung haben, sei es, weil wir intensiv mit anderen Angelegenheiten beschäftigt sind, sei es, weil wir kein Vertrauen zu dieser Person oder zu diesem Projekt haben.

Eine positive Antwort von uns wird sogar dann erwartet, wenn uns das Ansinnen quer ist, „wenn einer uns auf die rechte Wange schlägt“ (Mt 5, 39). Wie oft suchen wir unsere Haltung zu rechtfertigen mit der Entschuldigung, es gehe um die Güter des Ordens, ich müsse eine Mitschwester oder Mitbrüder gegen äußeren Zwang verteidigen, meine erste Pflicht als Oberer beziehe sich auf das Ganze, es gehe nicht um meine eigene Person.

Und doch, das Zweite Vatikanische Konzil lädt in einem Abschnitt des Dekrets „Perfectae caritatis“ (Nr. 13), der auch in das Gesetzbuch der Kirche aufgenommen wurde, unsere Institute ein, „sich zu bemühen, entsprechend den jeweiligen örtlichen Verhältnissen ein gleichsam kollektives Zeugnis der Liebe und der Armut abzulegen“. Man könnte daran denken, dass eine Kongregation ein Gebäude oder sogar mehrere der Ortskirche, einer neuen geistlichen Bewegung oder sogar der Ortsgemeinde zur Verfügung stellt, schenkt oder zu einem niedrigen Preis verkauft. Es geht immer darum, das Werk Gottes zu verwirklichen. Und ich weiß wohl, wie es unseren Ordensgemeinschaften schwer fällt, ihr vor Zeiten blühendes Apostolat anderen zu übergeben: den Mantel – das Gebäude – über das Hemd – den seelsorglichen Einsatz.

3. „Wer“ uns bittet, ist schließlich Gott selber. Ja! Wir haben uns ihm durch die Profess ganz hingegeben. Diese wurde an einem festlichen Tag feierlich gestaltet. Und wir freuen uns, diese bei bestimmten Jubiläen zu erneuern oder wenigstens zu feiern in Dankbarkeit gegenüber Gott, der uns in die Nachfolge seines Sohnes in Armut, Keuschheit und Gehorsam berufen hat. Die Anfrage Jesu an Petrus: „Liebst du mich mehr als diese?“ (Joh 20, 15) wird in einem anderen Sinn auch an uns gerichtet - immer wieder, ja täglich neu.

Das Leben unserer Ordensgründer ist voll von Zeugnissen, die uns heute ein Ansporn sind, auf ihren Spuren dem Weg Christi zu folgen. Ich brauche hier nicht den einen oder anderen ausdrücklich zu erwähnen. Es sei mir aber gestattet, meinen Landsmann, Bruder Klaus, zu zitieren – er war kein Ordensmann, sondern einfacher Laie -, der am Schluss seines einfachen Hingabegebetes sagte:
„Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir!“

So sind die Heiligen; sie geben nicht nur das Hemd, nicht nur den Mantel, sondern sich selbst Gott hin. So sei es auch bei uns - mit Gottes Hilfe. Amen!