Predigten

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Pontifikalamt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
am Hochfest Mariä Aufnahme in den Himmel

(Oberwesel, Kirche Unserer Lieben Frau, 15. August 2008)





Einführung:

Für den herzlichen Willkommensgruß sage ich Herrn Pfarrer Jakobs herzlich Dank, aber auch für die Einladung, hier heute anlässlich der Feier der Grundsteinlegung der hiesigen Kirche Unserer Lieben Frau vor 700 Jahren ein Pontifikalamt zu feiern. Ein solches Jubiläum lässt uns bewusst werden, wie viele Menschen schon vor uns hier gebetet und dabei Hilfe und Trost erfahren haben. Die Geschichte des Glaubens ungezählter Menschen ist mit dieser Kirche verbunden, für viele von der Taufe bis zur Bahre.

Mein Gruß gilt allen, die heute hierher gekommen sind, um sich in ihre Schar der Beter der Jahrhunderte einzureihen und Gott für alles Dank zu sagen. Dazu sind wir in besonderer Weise motiviert durch das Hochfest der Aufnahme der allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria in den Himmel, in der jene Vollendung aufleuchtet, auf die wir in unserem irdischen Leben voller Hoffnung zugehen.

Bitten wir daher den Herrn, dass er uns zeige, wo in unserem Leben der Blick auf die kommende Herrlichkeit verblasst oder verdunkelt ist, so dass Vordergründiges zu großes Gewicht hat. Bitten wir, dass er alles Ungeordnete in unserem Denken und Tun von uns nehme und uns mit seiner Kraft erfülle.

„Gebenedeit bist du unter den Frauen“ (Lk 1, 42)
„Meine Seele preist die Größe des Herrn“ (Lk 1, 47)


Predigt:

Liebe Brüder im Priesteramt,
Schwestern und Brüder im Herrn!

Am Fest Mariä Himmelfahrt geht unser Blick auf Maria, die zu ihrem Sohn Jesus in die himmlische Vollendung eingegangen ist. Mit Recht bewundern wir, dass Gott in seiner Güte die unbefleckte Mutter Christi am Ende ihres irdischen Lebens sofort ganz und ungeteilt, d. h. mit Leib und Seele, in seine Herrlichkeit aufgenommen hat, zu der Jesus uns Menschen durch seinen Tod und seine Auferstehung den Zugang eröffnet hat.

Wir schauen auf zum Himmel, um in seinem Licht, d. h. gleichsam mit den Augen Gottes, unser irdisches Leben zu betrachten. Wir blicken in dankbarer Freude auf Maria im Glanz ihrer Himmelfahrt, um ihr Leben auf Erden besser zu verstehen, um uns an ihrem beispielhaften makellosen Weg zu orientieren und ihr stets auf Gott ausgerichtetes Wollen nachzuahmen.

Ein Fest wie das heutige will für uns ein Ansporn sein, uns zu bemühen, von Maria Weisung für unser Leben zu empfangen und uns den Verpflichtungen für unser Leben auf Erden nicht zu entziehen. Je mehr wir den Himmel anschauen, desto mehr können wir unser Leben nach dem Willen Gottes gestalten – entsprechend dem Wort Jesu im Vaterunser: „Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden“ (Mt 6, 10).

Deshalb ist es für uns, liebe Schwestern und Brüder, am heutigen Festtag, an dem wir nicht nur mit der ganzen Kirche das Hochfest der Aufnahme der Gottesmutter in die himmlische Herrlichkeit feiern, sondern zugleich auch der Grundsteinlegung dieser Kirche Unserer Lieben Frau vor 700 Jahren und der Errichtung eines Kollegiatstiftes an der romanischen Vorgängerkirche der heutigen Liebfrauenkirche vor 750 Jahren feierlich gedenken, in besonderer Weise nahegelegt, dass wir wie unsere Vorfahren hier am Mittelrhein unter dem Schutzmantel Marias in neuer Entschiedenheit in Treue zu unserem katholischen Glauben stehen und aus diesem unserem Glauben unser Leben gestalten – mit der gleichen Hoffnung, die in der Gnade Gottes gründet, und mit der gleichen Liebe, die sie beseelte, als zwei Segeln für das Boot unseres Lebens auf dem Strom der Zeit. Maria, die Mutter Christi, die an der Außenwand des Chores eben dieser Kirche als „Schiffermadonna“ verehrt wird, soll uns Vorbild sein. Wenn wir sie in ihrer ewigen Vollendung betrachten, haben wir in ihr gleichsam einen Generalschlüssel gefunden, mit dessen Hilfe wir alle möglichen Situationen unseres Lebens mit Glaube, Hoffnung und Liebe meistern können.

1. Die Grundhaltung Marias, die von Elisabet „gebenedeit unter den Frauen“ genannt wird, ist die des Glaubens. Für ihn muss man Gott danken; er ist seine Quelle, aus der er hervorgeht; denn „auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut“ (Lk 1, 48), sagt sie im Magnificat. Sie nennt sich eben „Magd“ in ihrer Antwort auf die Botschaft des Engels: „Ich bin die Magd des Herrn, mit geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1, 38).

Maria erkennt, wie Gott an ihr gehandelt hat; deshalb kann sie in großer Demut sagen: „Von nun an preisen mich selig alle Geschlechter“ (Lk 1, 38). Sie hat schon erlebt und zum Ausdruck gebracht, was ihr Sohn später seinen Jüngern sagen wird: „So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen“ (Mt 5, 16). Es geht nicht um eine selbstgefällige Hochschätzung seiner selbst, sondern um eine realistische Anerkennung des Wirkens Gottes. Eine solche Haltung ist nur im Glauben möglich – nur, wenn wir zum Himmel aufschauen und immer wieder beten: „Dein Reich komme, dein Wille geschehe“ (Mt 6, 10).

In ihrem Glauben, in ihrer vollen Hingabe an den Willen Gottes hat Maria bis zu ihrem Tod die Erlösung durch ihren Sohn in sich verwirklichen lassen. Die Zweite Lesung aus dem Zweiten Brief des Apostels Paulus an die Korinther hat diesen Erlösungsweg dargestellt: „Wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht. … Der letzte Feind, der (durch Christus) entmachtet wird, ist der Tod“ (1 Kor 15, 22.26). In der Himmelfahrt Marias haben wir ein Zeugnis dieser Glaubenslehre: Am Ende ihres irdischen Lebens ist Maria, die unbefleckte Mutter Christi, mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden.

2. Jetzt müssen wir uns fragen, wie auch wir uns durch Christus lebendig machen lassen müssen, damit wir das verheißene Ziel erreichen.

Im Magnificat gibt uns Maria nicht nur Weisungen dafür, sondern auch Ermahnungen: „Gott zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen“ (Lk 1, 51-53). Sie preist also Haltungen, die die Einschätzungen der Welt auf den Kopf stellen. So hat Maria die Seligpreisungen ihres Sohnes im Voraus verkündet: „Selig, ihr Armen – selig, die ihr jetzt hungert“ (Lk 6, 20f), „selig, die keine Gewalt anwenden; selig, die ein reines Herz haben“ (Mt 5, 5.8). Das Reich Gottes hat andere Werte als die Welt. Es ist sozusagen der Ort, an dem die Werte des Himmels auch auf Erden gelten sollen. Deswegen werden Christen immer verfolgt werden, weil die christliche Lehre, der christliche Weg bei den vielen keine Anerkennung finden. Von da aus verstehen wir um so besser, warum unsere heutige Konsumgesellschaft eine Neuevangelisierung braucht, wie sie Papst Johannes Paul II. mit verschiedenen Akten des Großen Jubiläums des Jahres 2000 verkündet und angefangen hat. Als Kernprogramm nannte er Jesus Christus selber. Und Papst Benedikt XVI. ermahnt uns immer wieder, Christus nichts vorzuziehen: eine Forderung, die sich in der Benediktusregel findet und früher schon beim hl. Cyprian. Es geht also um unsere Erlösung; denn Christus allein hat den Tod besiegt. Wenn wir in, mit und durch Christus gegen den Tod kämpfen, gegen die Sünde und gegen alles, was gottwidrig ist, können wir uns darüber freuen, dass wir im Glauben und in der Hoffnung den Sieg schon sicher besitzen. Die Erste Lesung aus der Offenbarung hat uns darin bestärkt, wenn wir hören: „Jetzt ist er da, der rettende Sieg, die Macht und die Herrschaft unseres Gottes und die Vollmacht seines Gesalbten“ (Offb 12, 10). Erklärend folgt dann: „Sie haben ihn – den Drachen, den Teufel – besiegt durch das Blut des Lammes und durch ihr Wort und ihr Zeugnis; sie hielten ihr Leben nicht fest, bis hinein in den Tod“ (Offb 12, 11). Der Weg zum ewigen Leben ist nur in der Nachfolge Christi zu suchen und zu finden, also in einem Leben, das sich der Sünde widersetzt und sich von lebendigem Glauben bestimmen lässt. So hat Maria nach Ausweis der Schriften des Neuen Testamentes gehandelt. Im Kampf gegen die Mächte der Hölle hat sie sich dem Schutz Gottes anvertraut und so unversehrt den Sieg über sie errungen.

3. Nachdem wir bedacht haben, wie Maria uns in ihrem Glauben und in ihrer Hingabe an Gott Vorbild für unser Leben ist, bleibt noch ein dritter Punkt zu betrachten. Dabei geht es darum, der Frage nach dem Warum dieser Form ihres Lebens nachzugehen, damit wir uns nicht betrogen fühlen, wenn wir uns an sie als Vorbild für unser Leben halten.

In der Zweiten Lesung haben wir gehört, dass alle, die zu Christus gehören, bei seinem Kommen – d. h. am Ende der Zeiten - an seinem Sieg über den Tod teilhaben werden (vgl. 1 Kor 15, 23). Bei Maria war das schon hienieden auf Erden verwirklicht, da sie ohne Sünde empfangen war. Das Privileg der Unbefleckten Empfängnis wurde ihr zuteil, weil sie die Mutter des Erlösers werden sollte. Ihr ganzes Leben ist von dieser Berufung bestimmt, Mutter Gottes zu sein – und das schließt auch ihre Aufnahme mit Leib und Seele in seine himmlische Herrlichkeit ein.

Das könnte in uns eine Empfindung wie Neid oder Missgunst aufkommen lassen, weil unsere Berufung eine andere ist und wir deshalb nicht das Privileg der Makellosigkeit haben: zu Unrecht. Denn wir haben von Gott etwas Ähnliches empfangen; auch für uns ist Christus die Quelle der Heiligkeit, und zwar die einzige. Er sagt uns: „Wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt, der ist für mich Bruder, Schwester und Mutter“ (Mt 12, 50). Also ist auch uns das „Warum“ der Himmelfahrt Marias zugänglich, die enge Verbindung mit Christus. Eine solche Haltung ist auch gemeint, wenn es heißt, dass wir aufgerufen sind, „Christus nichts vorzuziehen“, ihn in unserem ganzen Leben nachzuahmen, wie der hl. Paulus sagt: „Für mich ist Christus das Leben“ (Phil 1, 21). Schlussendlich geht es darum, dass wir den Willen des Vaters erfüllen – entsprechend dem, was Jesus über sich selbst sagt: „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und sein Werk zu Ende zu führen“ (Joh 4, 34).

Maria, die Magd des Herrn, die ihr Leben nach dem Willen Gottes gelebt hat, hat in solcher Hingabe der Gnade Gottes freien Lauf gegeben bis hin zu ihrer Auffahrt mit Leib und Seele. Das gilt auch für uns, solange und soviel wir in solcher Hingabe an Gott leben – „wie im Himmel so auf Erden“.

Am Schluss unserer Betrachtung der heutigen Lesungstexte können wir uns sicher alle mit dem Tagesgebet identifizieren. Da haben wir Gott gebeten: „Allmächtiger, ewiger Gott, … gib, dass wir auf dieses Zeichen der Hoffnung und des Trostes schauen und auf dem Weg bleiben, der hinführt zu deiner Herrlichkeit.“ Die Liturgie ist uns ein vortrefflicher Wegweiser für unser Leben, wir brauchen ihren Mahnungen nur aufmerksam zu folgen. Heute lädt sie uns ein, im Licht des Festes Mariä Himmelfahrt zu unserer eigenen Vollendung auf den Spuren der Gottesmutter zu wandeln, indem wir Gottes Willen annehmen und verwirklichen „wie im Himmel, so auf Erden“.

Amen.