Predigten
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Pontifikalamt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
anlässlich des Jubiläums „300 Jahre Katholische Kirche in Braunschweig“
(St. Ägidien in Braunschweig, 21. September 2008)
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Pontifikalamt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
anlässlich des Jubiläums „300 Jahre Katholische Kirche in Braunschweig“
(St. Ägidien in Braunschweig, 21. September 2008)
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Einführung:
Sehr geehrter Herr Propst!
Ich bedanke mich für Ihre Einladung, anlässlich der Wiederzulassung der öffentlichen Feier der heiligen Messe und der Gründung einer katholischen Gemeinde in Braunschweig vor 300 Jahren einen festlichen Gottesdienst zu feiern. Ein solches Jubiläum zu begehen, ist Ausdruck der Dankbarkeit gegenüber den Vorfahren und zugleich ein Ansporn für unsere heutige Generation, uns unserer Verantwortung für unseren katholischen Glauben vertieft bewusst zu werden.
Die Kirche lebt heute - wie seit ihrer Gründung - durch die Weitergabe des Glaubens in der Erfüllung des Auftrags, den Christus seinen Jüngern vor seiner Himmelfahrt erteilte: „Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern … und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe“ (Mt 28, 19-20).
Zu Beginn dieser Messfeier wollen wir uns besinnen und in Dankbarkeit auf alles schauen, was Gott dieser Gemeinde in der drei Jahrhunderten und auch uns geschenkt hat, aber ihn zugleich um Verzeihung bitten für allen Mangel an Bereitschaft, uns selbstlos und hochherzig für die Verwirklichung des Auftrags des Herrn zu Verfügung zu stellen.
Predigt:
Sehr geehrter, lieber Herr Generalvikar,
liebe Brüder im Priesteramt,
liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
„ … um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben“ (Mt 20, 1), sagt das Gleichnis des heutigen Evangeliums über Lohn und Gnade im Himmelreich. Dieses Gleichnis passt in vorzüglicher Weise zu unserem Fest, bei dem wir Gott dafür danken, dass vor 300 Jahren unsere katholische Kirche hier in Braunschweig durch Kult und Gemeinde wieder lebendig sein durfte. Wenn wir die Geschichte der katholischen Ortsgemeinde betrachten, können wir die Hirten und Gläubigen durch die 300 Jahre als Arbeiter im Weinberg des Herrn betrachten: Sie wirkten teils kürzere, teils längere Zeit – der eine, von außen gesehen, mit mehr Erfolg, der andere mit weniger, zu bestimmten Zeiten waren die Umstände günstiger als zu anderen usw. Alle aber haben Anteil am Leben der Kirche gehabt, alle haben sich hingegeben, damit der Weinberg Christi wachse und gute und reiche Früchte bringe; alle dürfen deshalb vom Herrn den vereinbarten Lohn erwarten, d. h. die Teilhabe an der Fülle der Gnade.
Sicher, nicht alle Bestandteile des Weinberggleichnisses sind auf die Geschichte der hiesigen Gemeinde anwendbar. Aber da die Ortsgemeinde eine konkrete Verwirklichung der Kirche ist, darf man auf sie die Merkmale der Kirche anwenden. Zu Recht gilt der Satz, dass „die Eucharistie die Kirche bildet“: denn die Eucharistie - die seit 300 Jahren in Braunschweig wieder gefeiert wird – ist durch den Einsatz der Priester in der Seelsorge „Mitte und Höhepunkt des ganzen Lebens der christlichen Gemeinde“ (Christus Dominus 30, 2).
Zentrum des katholischen Lebens in Braunschweig ist heute dieses Liebfrauenmünster St. Ägidien. Wir geben in dieser Feier unserer Freude darüber Ausdruck, dass diese Kirche, die als Abteikirche eines Benediktinerklosters erbaut wurde und nach der Reformation zeitweilig als evangelische Pfarrkirche Verwendung fand und dann von1811 an verschiedenen profanen Zwecken diente, seit 1948 wieder für den katholischen Gottesdienst genutzt wird – an Stelle der durch Bomben zerstörten Nikolaikirche.
Das Kirchengebäude aber bleibt tot, wenn nicht glaubende Menschen es mit Leben füllen und sie durch ihren Einsatz tragen. Von einem Aspekt des Einsatzes der Menschen in der Kirche spricht das Evangelium des Sonntags.
1. Im Gleichnis des Evangeliums ist der Gutsherr unermüdlich auf der Suche nach Mitarbeitern für seinen Weinberg. Ihm ist der Weinberg sicher wichtig; denn ohne sorgfältige Betreuung würde kein Weinstock die erwarteten Weintrauben hervorbringen. Es geht ihm aber noch viel mehr um die Arbeitnehmer; es kümmert ihn, dass er um die elfte Stunde noch Arbeiter findet, die „den ganzen Tag müßig“ (Mt 20, 6) herumgestanden haben, weil niemand sie gedungen hat. Diese Einschätzung, was die der Einstellung des Gutsherrn angeht, wird noch dadurch bestärkt, dass auch die letzten den mit den ersten vereinbarten Lohn empfangen.
So handelt Christus an uns, ob wir früh oder spät in seinen Dienst getreten sind, und unabhängig davon, welche Aufgabe wir im Dienst der Kirche erfüllen. Was auch immer wir da tun, wir alle stehen durch die Gnade der Taufe und der Firmung, die uns befähigen, im Weinberg des Herrn zu arbeiten, unter dem Ruf Christi. In der schon zitierten Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils wird in dem Abschnitt über das Volk Gottes detailliert dargelegt, wie alle Gläubigen im einzelnen Anteil an der dreifachen Mission der Kirche haben:
- an der Heiligung durch die Sakramente: Dazu heißt es: „Mit so reichen Mitteln zum Heile ausgerüstet, sind alle Christgläubigen in allen Verhältnissen und in jedem Stand je auf ihrem Wege berufen zu der Vollkommenheit in Heiligkeit, in der der Vater selbst vollkommen ist“ (Lumen gentium 11, 3);
- an der Verkündigung der Frohbotschaft: Dazu heißt es dann: „Das heilige Gottesvolk nimmt auch teil an dem prophetischen Amt Christi in der Verbreitung seines lebendigen Zeugnisses vor allem durch ein Leben in Glauben und Liebe“ (ebd. 12, 1);
- am Dienst an der Welt als „Salz der Erde und Licht der Welt“ (Mt 5, 13-14): Dazu heißt es schließlich: „In allen Völkern der Erde wohnt dieses eine Gottesvolk, da es aus ihnen allen seine Bürger nimmt, freilich nicht irdischer, sondern himmlischer Natur“ (ebd. 13, 2).
Also können wir stolz darauf sein, dass wir berufen sind, uns im Weinberg des Herrn mit den uns je eigenen Aufgaben und der entsprechenden Verantwortung einzusetzen.
2. Wie aber sollen wir unsere Verantwortung in der Kirche ausüben, damit unsere Mitarbeit Erfolg hat? Der heilige Paulus – an seine Geburt vor 2000 Jahren wird in diesem Jahr erinnert – gibt uns dafür eine vortreffliche Anweisung. Obwohl er lieber sterben würde, um endgültig bei Christus zu sein, hält er es im Hinblick auf die Kirche, auf die Ortskirche, die er durch seine Predigt gebildet hat, für besser weiterzuleben. In seiner Hingabe an Christus geht er so weit, dass er zu schreiben wagt: „Für mich ist Christus das Leben, und Sterben Gewinn. Wenn ich aber weiterleben soll, bedeutet das für mich fruchtbare Arbeit. Was soll ich wählen? Ich weiß es nicht“ (Phil 1, 21-22). Wir wissen, wie viel der Apostel Paulus zu leiden hatte, als er den Korinthern in seinem Zweiten Brief an sie seinen Einsatz als Apostel mit anderen, die ihn verleumdeten, verglich und schrieb: „Sie sind Diener Christi - jetzt rede ich ganz unvernünftig -, ich noch mehr: Ich ertrug mehr Mühsal, war häufiger im Gefängnis, usw. …“ (2 Kor 11, 23).
Es geht also nicht um ihn selber, sondern um Christus, um die anvertraute Mission, über die Christus dem Hananias in Damaskus sagt: „Dieser Mann ist mein auserwähltes Werkzeug. Er soll meinen Namen vor Völker und Könige und die Söhne Israels tragen. Ich werde ihm auch zeigen, wie viel er um meines Namens willen leiden muss“ (Apg 9, 15-16).
Sicher ist eine solche Hingabe für uns nicht leicht zu verstehen; aber die Erlösung der Welt – eben die eigentliche Sendung der Kirche – geht über das Kreuz, damit wir mit Christus zur Auferstehung, zur Erneuerung der Welt, gelangen. Christus hat uns klar gesagt: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mt 16, 24). Es geht nicht um das Kreuz an sich, sondern um die Nachfolge Christi, die uns zu Kindern Gottes macht, weil wir in ihm durch den Vater geliebt sind: „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden, und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren“ (Joh 14, 21). Was für eine Ehre, mit Christus im Weinberg des Vaters zu arbeiten, obwohl „die Last und Hitze des Tages“ unsere Arbeit erschwert und nicht entscheidend ist für den Lohn.
Die Geschichte der Kirche – und nicht nur bei bestimmten Ordensgründern und –gründerinnen – zeigt uns hinreichend, wie Menschen im Dienste der Kirche auf einmal an die Seite geschoben wurden, zuweilen ohne Anerkennung ihrer Mühe, ihrer Dienste und Treue. Und was bleibt dann zu sagen, wenn nicht das, was Christus in Bezug auf den treuen und immer bereitwilligen Knecht sagt: „Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: wir haben nur unsere Schuldigkeit getan“ (Lk 17, 10).
3. Die Arbeit aller Arbeiter im Weinberg wird am Abend belohnt. Alle - die letzten wie die ersten, die von der dritten, der sechsten, der neunten und schließlich die von der elften Stunde –, alle empfangen einen Denar. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass „alles Gnade Gottes“ ist. Wir sollen nicht so sehr unser Bemühen, unsere Hingabe – „die Last und die Hitze des Tages“ -, sondern die Güte Gottes betrachten. Es war schon seine Gnade, uns zur Arbeit in seiner Kirche einzuladen; es ist seine Gnade, uns durch seine Gaben – Wort, Sakrament, Diakonie - in dieser unserer Mitarbeit in der Kirche zu unterstützen; es ist auch seine Gnade, die uns für unsere Mühen und unsere Treue belohnen wird. „Alles ist ja Gnade!“ Nichts anderes sagt der Prophet Jesaja in dem Abschnitt, den wir als Erste Lesung gehört haben: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des Herrn“ (Jes 55, 8). Der Lohn, den Gott uns verspricht, ist grundsätzlich für alle der gleiche: ein Denar, d. h. seine Liebe, die unendlich ist. Der Schluss des Gleichnisses ist für uns eine Mahnung, unser Mittun in der Kirche vom Augenblick unserer Berufung an treu und ganz zu erfüllen. Das ist uns nur möglich, wenn wir uns demütig als „armselige Knechte“ anerkennen. Das geht so weit, weil eben auch unsere eigene Hingabe und Mitarbeit Gnade Gottes sind. Hat Christus uns das nicht mit dem Bild vom Weinstock gezeigt, wenn er sagt: „Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen“ (Joh 15, 5)? Wir haben gerade Herbst, die Zeit der Weinernte. Und es ist wohltuend, solche Gleichnisse vor Augen zu haben, d. h. wenn man zwischen Weinbergen unterwegs ist. Die reichen reifen Weintrauben sind für ihre Gutsherren der ersehnte Lohn ihrer Arbeit und Mühe während des Jahres. Daran haben ihre Mitarbeiter ihren Anteil. So ist es auch im Weinberg des Herrn bei uns hier in Braunschweig, zumal bei denen, die eine besondere Verantwortung tragen: bei der Gemeindereferentin, den Pastoralreferenten, dem Diakon und den Priestern. Oft sind wir geneigt, wie Petrus Christus zu fragen: „Wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt“ (Mk 10, 28). Die Antwort ist klar: „Amen, ich sage euch: „Jeder, der um meinetwillen und um des Evangeliums willen Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen: Jetzt in dieser Zeit wird er Häuser, Brüder, Schwestern, Mütter Kinder und Äcker erhalten, wenn auch unter Verfolgungen, und in der kommenden Welt das ewige Leben. Viele aber, die jetzt die Ersten sind, werden dann die Letzten sein, und die Letzten werden die Ersten sein“ (Mk 10, 29-31).
Beachten Sie! Der Abschluss der Antwort Christi stimmt mit dem unseres Gleichnisses überein. Das ist für uns ein wertvoller Hinweis für das Verständnis des Himmelreiches, das in der Kirche auf Erden vorbereitet wird. Nur im Glauben können wir solche ständige Paradoxe annehmen und verwirklichen.
Zusammenfassend können wir sagen: Die Sendung der Kirche ist verwurzelt im Anruf Christi. Unsere Aufgabe in der Kirche ist es, uns in den Dienst seiner Sendung zu stellen. Als Christen erkennen wir, dass alles, was uns geschieht, aus Gottes Gnade geschieht und dass wir nur im Vertrauen auf Jesus Christus fähig sind, an der Sendung der Kirche erfolgreich mitzuwirken. Ein Wort des Propheten Jesaja ist uns in dieser Angelegenheit ein Ansporn, unsere Mitarbeit mit vollem Vertrauen auf Gott zu leisten. Die Verse, der sich unserem Lesungstext unmittelbar anschließen, lauten: „Wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt, … so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt“ (Jes 55, 10-11).So wissen wir, was Gott von seiner Seite wirkt; so wollen wir ihn in unserem Einsatz in der Kirche und für die Kirche in uns wirken lassen: Er hat uns eingeladen, in seinem Weinberg zu arbeiten; er hat uns die dazu nötigen Mittel gegeben; er wird uns für unsere Mitarbeit auf seine Art und Weise belohnen. Ja! „Alles ist Gnade!“
Amen!






