Predigten

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Pontifikalamt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
zur Karlsfeier

(Hoher Dom zu Aachen, 25. Januar 2009) 




Exzellenz, sehr geehrter Herr Bischof Mussinghoff,
liebe Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt,
sehr geehrte Vertreter der Stadt Aachen,
liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Die heutige Feier im Gedenken an Karl den Großen hier im Hohen Dom zu Aachen – in Aachen verbrachte er die meiste Zeit seines Lebens, und von hier aus regierte er sein Reich – soll uns zur Nachahmung seiner Beziehung zu Gott führen, wie er sie als Inhaber seines königlichen Amtes gelebt hat. Gestalten von geschichtlichem Rang – besonders wenn sie eine Bedeutung haben wie Karl der Große – können unter sehr verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet werden: z. B. rein historisch: wenn es um die Fakten seiner erfolgreichen Regierung geht – soziologisch: wenn die Gesellschaft der damaligen Zeit im Fokus der Untersuchung steht – geo-politisch: wenn es um die Auswirkungen seiner Eroberungen auf die Landkarte Europas geht. In der Feier der Liturgie, dem grundlegenden Tun der Kirche, geht es um die Beziehung zu Gott. So wollen wir jetzt – soweit die zeitgenössischen Zeugnisse es erlauben - auf die Haltung schauen, die Karl der Große in seinem Leben Gott gegenüber eingenommen hat, um zu sehen, ob sie uns Orientierung zu geben vermag im Hinblick auf unsere Verantwortung in der Welt von heute.

1. Als ständiger Leser des „Gottesstaates“, des großen geschichtstheologischen Werkes des heiligen Augustinus, wollte Karl dem Rat des Bischofs von Hippo folgen und „seine Macht zur Vermehrung des Kultes ausüben wie jene, die Gott gefürchtet und ihm gehuldigt haben“. Man kann in dieser Beziehung von ihm sagen, was Jesus Sirach über die Vorfahren im Volk Israel schreibt: „Die ehrwürdigen Männer will ich preisen, unsere Väter, wie sie aufeinander folgten … Männer, die über die Erde als Könige herrschten und die berühmt waren durch ihre Macht; die Rat erteilten durch ihre Einsicht, … Fürsten des Volkes durch ihre Klugheit“ (Sir 44, 1-4).

Man vergleicht Karl den Großen gern mit dem König und Propheten David, der „ein Mann nach dem Herzen Gottes“ war (vgl. 1 Sam 13,14; Apg 13, 22). Zu Recht kann man auch von ihm sagen, was der Antwortpsalm über David sagt:  „Er regiere dein Volk in Gerechtigkeit und deine Armen durch gerechtes Urteil“ (Ps 72, 2). Eine Chronik, die den Einsatz Karls für die Gerechtigkeit erläutert, berichtet: Er hatte eine Glocke am Eingang seines Palastes angebracht, die jeder läuten konnte, wenn er von ihm selber oder von seinen engsten Mitarbeitern in einer Sache ein Urteil haben wollte. Eines Tages läutete die Glocke, weil ein Pferd ohne Zügel entlaufen war. Nicht das Pferd wurde verurteilt, sondern sein Besitzer, weil er nicht genug für das Pferd gesorgt hatte.

Wie der heilige König David hatte auch Karl der Große seine Schwächen, besonders in seinem persönlichen Leben; aber wie König David nahm auch er sich die Mahnungen seiner geistlichen Berater zu Herzen, die er zu sich kommen ließ wie Alkuin aus York, der Abt des Benediktinerklosters St Martin in Tours war, Arn von Salzburg, Lullus von Mainz, Theodulf von Orléans, Hinkmar von Reims. Mit ihrer Hilfe konnte er das Gesetz der Liebe, d. h. das Evangelium, in die staatlichen Gesetze einbeziehen; denn er wollte, dass die ganze Gesellschaft von christlichen Werten durchdrungen und beseelt werde. Sicher gab es zu jener Zeit eine andere Beziehung zwischen König und Volk als in späteren Jahrhunderten, aber die Historiker erkennen an, wie sehr sich Karl der Große für die Verbreitung des Christentums eingesetzt hat. Damals gab es nur eine Gesellschaft, die Christenheit; in ihr waren die Gesetze des Staates für die Kirche gültig und umgekehrt. Der König entschied über die Organisation der Bistümer und Kirchenprovinzen, er ernannte Bischöfe und ließ sogar Normen für die Reform des Klerus veröffentlichen. Deshalb hatte das Volk eine große Verehrung für den Monarchen. Und als er am Weihnachtsfest des Jahres 800 im Petersdom durch Papst Leo III. zum Kaiser gekrönt wurde, war diese Krönung die Anerkennung eines unersetzlichen Dienstes Karls zugunsten der Kirche. Es heißt, er selber habe gesagt – wenn das zutrifft, zeigt das, wie dieser Dienst ihn als Diener Gottes erfüllte -: „Wenn ich gewusst hätte, was mit mir in der Weihnachtsmesse in St Peter geschehen sollte, wäre ich nicht gekommen.“ Er war eben demütig und gelassen wie König David, so dass er als Herrscher sein Reich festigen konnte. Wenn Gott in die menschliche Tätigkeit hineingenommen wird, empfängt diese eine übermenschliche Dauerhaftigkeit. Das gilt auch für jeden von uns, je an seinem Platz, in der uns eigenen Verantwortung.

2. Ein zweites Feld, auf dem Karl der Große durch seinen Einsatz Großes auch für uns geleistet hat, ist der Bereich der Bildung. Dank seiner geistlichen Ratgeber, besonders Alkuins, der die Schule im Palast in Aachen leitete – wie auch die in seinem Kloster in Tours – wurden bleibende Fundamente der Schulbildung gelegt. Das Erbe der Antike wurde bewahrt und den Gelehrten zum Studium zur Verfügung gestellt. In solchen Schulen können wir die Vorbilder der späteren Universitäten sehen. Es war höchste Zeit, die Brücke zwischen den Kulturen des römischen Reiches und des von Karl begründeten Reiches zu bauen. Sonst wären nicht nur viele Werke der Antike verloren gegangen, sondern auch die Kunst, sie zu gebrauchen, zu kommentieren, als wertvolle Kulturgüter für die Zeitgenossen zu übersetzen.

Kaiser Karl der Große förderte auch das Studium der Theologie, um den wahren Glauben überall zu festigen. Er ließ Normen für die Prüfung veröffentlichen, die die Priester ablegen mussten, bevor sie das Amt des Pfarrers übernahmen. Man sieht Elemente einer solchen Regelung noch im kirchlichen Gesetzbuch von 1917, wo can. 459, § 4 und can. 179 regelmäßige Prüfungen für die Kleriker vorschrieben, die es ermöglichten, die besten zu höheren Ämtern zu berufen.

Was wir heute als Einmischung einer Zivilbehörde in den Bereich der Kirche bezeichnen würden, war in jener Zeit eine übliche Kooperation. Karl wurde sogar von einem Mönch von St. Gallen in seiner Chronik als „frommer Wächter über die Bischöfe“ bezeichnet. In dieser Formulierung erkennen wir, wie hoch geschätzt seine Dienste für die Kirche bei seinen Zeitgenossen waren. Und in seiner Heiligsprechung, die der Gegenpapst Paschalis III. 1165 unter dem Druck von Friedrich Barbarossa vollzog, liegt eine ähnliche Anerkennung.

Die Ergebnisse unserer Betrachtung über die Gestalt und die Tätigkeit Karls des Großen im Hinblick auf unsere Sendung als Christen in der heutigen Zeit lassen sich in drei Punkten zusammenfassen:

1. Die Anerkennung der Herrschaft Gottes ist in der Ausübung unserer Verantwortung unerlässlich für alle – für Kaiser und Handwerker, für Bischöfe und Gläubige. Die Ewigkeit beseelt unser zeitliches Wirken, wenn wir in ihm Gott Platz schaffen und ihm sogar den ersten Platz geben. Das bedeutet, dass unser Gewissen zur Quelle göttlicher Werte geht, um sich bilden zu lassen. Es ist Demut nötig, damit man nach den Regeln Gottes handelt, wie die Zweite Lesung aus den Ersten Korintherbrief des Apostels Paulus uns mahnt: „Jeder soll darauf achten, wie er weiterbaut“ (1 Kor 3, 10).

2. Die in sich widersprüchlich scheinende Gestalt Karls des Großen ist – wie schon die Davids – für uns wie ein Spiegel, in dem wir unser eigenes Verhalten anschauen. Die Weisheit Gottes soll unsere Wegweiserin sein, sowohl in unserem persönlichen Leben wie im gesellschaftlichen und öffentlichen Bereich. Wir Bischöfe und Priester sollen die ersten sein, die sich mit dem Brot der Klugheit nähren und das Wasser der Einsicht trinken (vgl. Sir 15, 3). Hätte Karl seine Capitularia in seinem eigenen Leben umgesetzt, wäre er heute sicherlich ein anerkannter Heiliger der Universalkirche.

3. In der Präfation heißt es: „Die Schar der Heiligen verkündet deine Größe, denn in der Krönung ihrer Verdienste krönst du das Werk deiner Gnade.“ Das gilt auch für Kaiser Karl, der sein Amt mit Beharrlichkeit in Treue zum Auftrag Gottes erfüllt hat. Diener Gottes wollte er sein, und er war es. So verdiente er sich den Lohn, den der Herr dem treuen Diener versprochen hat. Auf Karl wie auf Kaiser und Könige, die in der Gesamtkirche als Heilige verehrt werden, trifft zu, was in einem Gebet gesagt wird: „O Gott, dem zu dienen, heißt, mit dir zu herrschen …“. Und das gilt auch für uns: Je mehr wir Gott und dem Nächsten dienen, desto mehr gehören wir zum Reiche Gottes. Darum geht es uns, wenn wir im Vaterunser beten: „Dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden!“ Das ist das Licht, das uns leuchten lässt, wie es im heutigen Evangelium heißt. Amen.