Predigten

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Pontifikalamt des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
anläßlich der Monatswallfahrt nach Maria Frieden in Berlin-Mariendorf

(Pfarrkirche Maria Frieden, 5. Februar 2009)




Liebe Brüder im Priesteramt,
liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Wenn wir heute als Wallfahrer nach Maria Frieden kommen - im Rahmen der Monatswallfahrt, die hier seit mehr als zwanzig Jahre an jedem ersten Donnerstag im Monat stattfindet -, dann treten wir zu Christus, unserem Erlöser, hinzu, der Sohn Gottes und Sohn der Jungfrau Marias ist. Wir alle wissen, dass Maria aus Nazaret von Gott dazu berufen wurde, einen Sohn zu gebären und ihm den Namen Jesus zu geben (vgl. Lk 1, 31). Dieser Name aber bedeutet: „Gott rettet“. Als Mutter des Erlösers ist sie Mittlerin seines Werkes, unseres Friedens mit Gott, unseres Friedens untereinander. Der Titel der hiesigen Pfarrkirche „Maria Frieden“ – in der Langform: „Maria, Königin des Friedens“ – und dann auch unserer Wallfahrt hat seine Wurzeln in der Wahl Gottes, dass Maria, die Jungfrau aus Nazaret, die Mutter seines menschgewordenen Sohnes werden sollte.

Auf dem Hintergrund des Wortes Gottes, das wir gerade im Evangelium gehört haben, wollen wir über unsere Verantwortung nachdenken, „Friedensstifter“ (vgl. Mt 5, 9) zu sein, indem wir auf Maria als Vorbild, als Wegweiserin und als Beschützerin schauen. Das Marienbild der hiesigen Wallfahrt, ein Werk des bekannten Künstlers Otto Dix, das er in der Zeit seiner Kriegsgefangenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg schuf, die er in einem Lager bei Colmar verbrachte, stellt uns diese dreifache Bedeutung der Gottesmutter vor Augen.

1. Dass Maria für uns Vorbild des Friedens ist, scheint uns ganz normal, weil sie durch den Engel Gabriel als „voll der Gnade“ gegrüßt wurde. Sie ist eben seit ihrer Empfängnis im Schoß ihrer Mutter Anna das Ebenbild Gottes in der ganzen Fülle. Sie ist von Anfang an in der Situation, die Gott uns im Glauben anbietet: dass wir hintreten „zu Gott, dem Richter aller, zu den Geistern der schon vollendeten Gerechten“ (Hebr 12, 23). Mit Recht sagen die Kirchenväter, dass Maria ihren Sohn in ihrer Seele empfangen hat, bevor sie ihn in ihrem Schoß empfing. Und Maria war sich dessen bewusst, da sie im Magnificat sagt: „Der Mächtige hat Großes an mir getan, und heilig ist sein Name“ (Lk 1,49).

Aus ihrer Haltung wollen wir drei Grundelemente für uns entnehmen:
(1) den Glauben an Gottes Güte, der für uns und in uns Großes tut,
(2) die Verfügbarkeit, d. h. die Bereitschaft auf unserer Seite, die uns anvertraute Aufgabe zu erfüllen - genauso wie die zwölf Apostel - auch wenn wir sie mit unseren begrenzten menschlichen Mitteln erfüllen müssen, und
(3) die Demut, uns vor dem Werk Christi zu verbeugen, damit er die Macht hat, alles entsprechend seinem Willen zu wirken. Das geschieht zum Beispiel, wenn wir - wie wir es vor der heiligen Messe getan haben – den Rosenkranz zu Maria beten und dabei Christus in den verschiedenen Phasen des Erlösungswerkes betrachten.

Wenn wir Maria als Vorbild unserer Verantwortung als Christen nehmen, dann werden wir als Menschen, die den Frieden in die Tat umsetzen, Ermutigung erfahren, weil wir nicht uns selber verkündigen, sondern „Jesus Christus als den Herrn“ (2 Kor 4, 5), weil wir dann Diener unserer Brüder und Schwestern sind.

2. Maria wird uns zur Wegweiserin, damit wir der Welt den Frieden Christi bringen. Sie erinnern sich an ihre letzten Worte auf der Hochzeit zu Kana: „Was er euch sagt, das tut!“ (Joh 2, 5). Maria kümmert sich nie um sich selbst, sondern immer um Jesus und um den Nächsten.

Der heilige Ludwig Maria Grignon von Montfort pflegte zu sagen: „Maria ist der sicherste und kürzeste Weg zu Christus“, weil sie eben seine Mutter ist. Man könnte sagen, ihre Vermittlung in Kana hat den Weg von Jesus zum Wunder wie auch die Haltung der Diener zu ihm verkürzt und erleichtert. Alles ging reibungslos und friedlich. Maria, die Königin des Friedens, ist als Vermittlerin und Wegweiserin für uns eine hilfreiche Unterstützung bei dem Bemühen, unser Leben im Sinne unseres christlichen Glaubens voll zur Entfaltung und zur Erfüllung zu bringen. Mit ihr und wie sie können wir rascher und sicherer zur Vollkommenheit gelangen.

Sie ist – um ein modernes Gleichnis aus der Technik zu verwenden – unser Navigator, der uns, solange wir ihn eingeschaltet halten, immer den richtigen Weg angibt. Dabei ist das Gebet des Rosenkranzes dazu besonders geeignet; denn in jedem einzelnen Geheimnis, das wir betrachten, werden wir zu Christus geführt, werden wir von Christus, dem „Mittler des neuen Bundes“, ermahnt, der uns wie einst die Apostel in die Welt sendet, damit wir seine Ankunft verkünden (vgl. Mk 6, 7-12).

Wie begnadet sind wir, wenn wir im täglichen Rosenkranz den Erlöser in Begleitung seiner Mutter betrachten, so dass wir alles zu tun befähigt werden, was er uns sagt!

3. Maria ist auch unsere Beschützerin – im Himmel wie auf Erden. Warum? Weil sie uns Christus, unseren Erlöser, geschenkt hat. Es geht uns nicht mehr wie dem auserwählten Volk bei seinem Zug durch die Wüste darum, Gottes Gegenwart im Donner, im Erdbeben oder im Sturm am Sinai zu erkennen. In dem neuen Jerusalem – so mächtig und erhaben in der Offenbarung des Johannes dargestellt – geht es um eine friedliche Verwirklichung des Mitseins Gottes mit den Erlösten (vgl. Offb 21, 1-22, 5).

Die kirchliche Tradition sieht in der Frau, die den Drachen besiegt, sowohl die Kirche wie Maria (vgl. Offb 12, 1-18). Unsere Beschützerin bringt uns Frieden, weil sie uns den Erlöser geschenkt hat, den schon der Prophet Jesaja „Friedensfürst“ genannt hat (Jes 9, 6). Der Frieden ist ja etwas, was wir heute uns ebenso wünschen wie die Menschen aller Zeiten der Weltgeschichte vor uns. Es genügt zum Beispiel, in der Liturgie aufmerksam darauf zu achten, wie oft wir das Wort Frieden hören. Und dieser Friede ist Christus selbst; und dieser Friede ist in Christus sichtbar; und dieser Friede ist Frucht des Schoßes Mariens.

Am Schluss unserer Betrachtung erbitten wir als Gabe dieser monatlichen Wallfahrt nach Maria Frieden die Entschiedenheit, Friedenstäter zu werden und zu sein. Nicht morgen oder übermorgen, sondern jetzt: in der eigenen Familie, in der Gemeinde, mit Mitarbeitern und Kollegen, mit den Freunden und - falls es solche gibt – mit den eigenen Feinden.

Ginge die Menschheit, d. h. jeder einzelne, überall in der Welt den Weg zu Christus durch und mit Maria, hätten wir überall und immer den Frieden. Wir bräuchten keine Friedensnobel- oder Balzanpreise; denn alle Menschen - Sie und ich - wären Tag für Tag allerorts Vollbringer des Friedens. Entscheiden wir uns also für das Mitmachen – wie die Apostel, denen Jesus auftrug, sich „ohne Geld im Gürtel“ (Mk 6, 8), aber mit dem Frieden im Herzen und im Kopf auf den Weg zu machen und jedem Haus, jedem Nächsten seinen Friedensgruß zu bringen (vgl. Mt 10,12). Amen!