Predigten
Predigt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
im Pontifikalamt im Rahmen der Frühjahrsvollversammlung
des Zentralkomitees der deutschen Katholiken
(Maria Regina Martyrum zu Berlin, am 8. Mai 2009)
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
im Pontifikalamt im Rahmen der Frühjahrsvollversammlung
des Zentralkomitees der deutschen Katholiken
(Maria Regina Martyrum zu Berlin, am 8. Mai 2009)
Sehr geehrter Herr Kardinal,
sehr geehrte Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt,
liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
„Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt“ (Apg 13, 33 – Ps 2, 7). Diesen Vers aus Ps 2 zitiert der Apostel Paulus auf seiner ersten Missionsreise in einer Predigt in Antiochia in Pisidien, die sich an Juden und Gottesfürchtige wendet. Er bildet den Abschluss der heutigen Lesung. Er soll uns heute Abend helfen, über unsere christliche Identität nachzudenken, damit wir unsere Verantwortung in der Kirche in Deutschland immer besser und in Hochherzigkeit wahrnehmen.
Es erstaunt uns zunächst sicher, dass dieser Vers im Kontext der Auferstehung Christi zitiert wird, hätten wir ihn doch eher im Zusammenhang mit seiner Geburt erwartet. Ist es aber nicht doch so, da wir als Getaufte an Tod und Auferstehung Christi teilhaben, dass Gott auch im Hinblick auf einen jeden von uns sagt: Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt?
Hängen wir nicht als Geschöpfe völlig von Gott ab – entsprechend dem Wort des Apostels Paulus auf dem Areopag: „In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir“ (Apg 17, 28), einem Wort, das aus den Phainomena des Dichters Aratos (3. Jh. vor Christus) stammt? Sind wir nicht als Erlöste noch mehr von Gott abhängig, könnten wir ohne sein Wirken überhaupt etwas Gutes tun? Das bringt die Präfation zu Ehren der Heiligen klar zum Ausdruck, wenn es dort heißt: „In der Krönung ihrer Verdienste krönst du das Werk deiner Gnade.“
Diese unsere totale Abhängigkeit von Gott soll uns helfen, uns als Salz der Erde und Licht der Welt mit erneuertem Glauben, mit vermehrter Hoffnung und glühender Liebe unserer Verantwortung in der Kirche zu stellen.
1. „Erneuerter Glaube“: das bedeutet, dass wie auf Gott hören. Der Apostel Paulus, den wir in diesem Jahr besonders ehren, da wir seiner Geburt vor 2000 Jahren feierlich gedenken, sagte in seinem Brief an die Römer ausdrücklich: „Der Glaube gründet in der Botschaft, die Botschaft im Wort Christi“ (Röm 10, 17). Paulus war sich seiner Aufgabe, die Botschaft Jesu zu verkünden, so sehr bewusst, dass er im Ersten Brief an die Korinther schrieb: „Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde“ (1 Kor 9, 16).
Dem Amt der Verkündigung der Frohbotschaft stehen die Ohren – oder besser gesagt: die Herzen – der Zuhörer gegenüber. Das Gleichnis vom Samen, der auf verschiedene Böden fällt (Mt 13, 18-23), ist für uns eine Warnung und immer neu die Anfrage: Wie stehen wir dem Wort Gottes gegenüber? Wie weit ist die Lehre Christi, die uns durch das Lehramt der Kirche vermittelt wird, Licht für unser Handeln?
Glauben heißt, sich hinzusetzen und Christus als seinen Weg anzuerkennen. Sie kennen die Mahnung des heiligen Augustinus, als er seinen Gemeindemitgliedern den Satz Christi „Ich bin der Weg“ erläuterte: „Faul bist du! Steh auf und geh! Der Weg kommt zu dir!“
2. Wenn uns der Glaube geschenkt ist, wird er in der Hoffnung wirksam, weil wir uns selbst und unser Tun nach seinen Weisungen ausrichten. Da Christus uns sagt: „Die Wahrheit wird euch befreien“ (Joh 8, 32), gibt er uns den Schlüssel für unser Christsein. Die Wahrheit, die er selber ist, macht uns fähig, seine Sendung in der Welt zu erfüllen. In der Apostelgeschichte wird gesagt, dass „man in Antiochia die Jünger zum ersten Mal Christen nannte“ (Apg 11, 26), in jener Stadt, wo Barnabas und Paulus mit den aus Jerusalem vertriebenen Jüngern die Frohbotschaft verkündeten. Von ihnen wird auch gesagt: „Die Hand des Herrn war mit ihnen, und viele wurden gläubig und bekehrten sich zum Herrn“ (Apg 11, 21).
Der Grund für den Erfolg der Kirche in unserer Gesellschaft liegt in unserer Bereitschaft, unser Handeln an Gottes Willen auszurichten. Es geht nicht um Macht, sondern um Dienst. Biblische Bilder dafür sind das Salz, das sich vollständig auflöst, um den Speisen ihren eigenen Geschmack zu geben, und die Kerze, die sich verzehrt, damit ihr Licht leuchten kann.
Die Hoffnung ist also nicht trügerisch, sondern anregend – keine Illusion, sondern ein Ansporn, sich selbst immer mehr und beharrlich für das Gute einzusetzen. Je mehr wir durch den Glauben die Augen zum Himmel erhoben haben, umso mehr sind wir für das Heil des Nächsten tätig, wie es die Einführungsworte der Pastoralkonstitution Gaudium et spes zum Ausdruck bringen: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung , Trauer und Angst der Jünger Christi“ (Gaudium et spes, 1).
Das zeigt, wie wenig der Vorwurf der Marxisten gegen die Religion, sie sei „Opium des Volkes“, ein Fundament hat. Die Hoffnung, dass unser Einsatz in und für die Welt dem Willen Gottes entspricht, lässt uns unsere Sendung trotz möglicher konkreter Misserfolge und Widrigkeiten weiter verfolgen. Denn Gottes Hand lenkt uns. Das stärkt in uns das Vertrauen, dass er unser Handeln nach seinem Willen und in seiner Liebe gesegnet sein lässt.
3. Es geht also letztlich um das Werk Gottes, das er in uns und durch uns verwirklichen will. Je mehr wir Gott in der Liebe ähnlich werden, umso mehr wirkt die Liebe Gottes in unserem Tun und prägt es. Es gibt keine Form von Gegensatz oder Wettbewerb zwischen Gott und uns, weil es keine Opposition im Guten geben kann. Gott ist Liebe und deshalb die Quelle des Guten, das wir tun. Jesus verwendet das Bild vom Weinstock, um uns das wissen zu lassen, Er sagt: „Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt“ (Joh 15, 4).
Unsere Verantwortung dafür, dass wir Frucht bringen, ist klar: wir sind mit Gott durch die Sakramente sozusagen leibhaftig verbunden, aber auch durch das Gebet und die beharrliche Treue im Glauben.
Das Zweite Vatikanum weist uns alle auf unsere Verantwortung in Bezug auf die ganze Menschheitsfamilie hin und erklärt zur Begründung: „Alle sind wir ja geschaffen nach dem Bild Gottes, … und alle sind wir zu einem und demselben Ziel, d. h. zu Gott selbst, berufen. Daher ist die Liebe zu Gott und zum Nächsten das erste und größte Gebot“ (Gaudium et spes, 24).
Eine Weiterführung dieser Mahnung bietet das Dekret über das Laienapostolat, wenn es dort heißt: „Aufgabe der ganzen Kirche ist es, daran zu arbeiten, dass die Menschen fähig werden, die gesamte zeitliche Ordnung richtig aufzubauen und durch Christus auf Gott hinzuordnen. Den Hirten obliegt es, die Grundsätze über das Ziel der Schöpfung und über den Gebrauch der Welt klar zu verkünden, sittliche und geistliche Hilfen zu gewähren, damit die zeitliche Ordnung auf Christus ausgerichtet werde“ (Apostolicam actuositatem, 7).
Damit wir den Anforderungen der Neuevangelisierung, zu der Papst Johannes Paul II. die Kirche aufgerufen hat, entsprechen können, ist es für uns hilfreich, die entsprechenden Konzilsdokumente immer neu zu studieren und uns innerlich anzueignen. Für das „aggiornamento“ unserer Sendung in und mit der Kirche ist die Kenntnis des Zweiten Vatikanums unerlässlich. Ich erinnere mich mit Freude an die Bemerkung einer Vertreterin der anglikanischen Gemeinschaft bei einem Treffen von Mitgliedern der Führungsgremien christlicher Kirchen und Gemeinschaften: „Ihr Katholiken seid begnadet, weil Ihr das Zweite Vatikanum als Grundlage Eurer Sendung in der heutigen Gesellschaft habt.“ Das Evangelium bleibt ja für alle Christen die Quelle ihres Handelns, aber wir müssen auch das Feld unserer Bemühungen bedenken, damit sie Früchte bringen. Dazu sind die Konzilsdokumente hilfreich.
Zusammenfassend kann ich Ihnen nur wiederholen, was Jesus zu Thomas sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Joh 14, 6). Im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe haben wir in und mit uns mit Gewissheit Christus, unseren Weg, unsere Wahrheit und unser Leben. Wir haben den „ganzen“ Christus, wie der heilige Augustinus zu sagen pflegte, d. h. Christus in und durch die Kirche, seinen mystischen Leib.
Amen!






