Predigten
Pontifikalamt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
im Rahmen des Deutschlandtreffens der Schlesier
(Messegelände Hannover, 28. Juni 2009)
„Gott hat nicht den Tod gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden“
(Weish 1, 13)
Einführung:
Liebe Mitbrüder im Priester- und Diakonenamt,
liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Zu Beginn dieses festlichen Pontifikalamtes im Rahmen des diesjährigen Deutschlandtreffens der Schlesier entbiete ich Ihnen meinerseits einen herzlichen Gruß.
Er, Christus, unser Erlöser, ist es, der uns jetzt versammelt, um uns mit der doppelten Speise seines Wortes und seines Leibes zu nähren. Den Hintergrund Ihres Treffens bildet die Herkunft Ihrer Familien, die als Folge des Zweiten Weltkrieges aus Schlesien vertrieben wurden. Dieses schmerzliche Schicksal bedarf der immer neuen Annahme und Aufarbeitung. Für uns Christen ist es bei dieser Aufgabe eine große Hilfe, wenn wir auch sie Christus anempfehlen, der uns in seiner Kirche für die Bewältigung der immer wieder neu anstehenden Erneuerung und Vertiefung unseres Glaubens Kraft gibt.
Deshalb wollen wir, damit wir mit reinem Herzen Christus begegnen können, unsere Sünden bekennen und im Schuldbekenntnis um sein Erbarmen bitten.
Predigt:
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
„Gott hat nicht den Tod gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden“ (Weish 1, 13). Dieser Eingangssatz der Ersten Lesung der heutigen Liturgie soll der Leitgedanke unserer Betrachtung sein und uns in unserer Treue zu unserem christlichen Glauben bestärken.
Es ist ja nicht so, dass Menschen, die in ihrem Leben Opfer von Unglücksfällen geworden sind oder von politischen Entscheidungen betroffen sind, die ihr weiteres Leben - oft sogar traumatisch - belasten, sich sozusagen wie von selbst Gott zuwenden, um auf diese Weise den Druck auf ihrem Leben zu mindern oder sogar völlig aufzuheben. Nein! Notwendig ist da unsere bewusste ständige Hinwendung zu Christus, der sich selber als „den Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14, 6) bezeichnet. In ihm, durch ihn und mit ihm können wir erneuert werden; denn „er, der reich war“, so schreibt der Apostel Paulus in seinem Zweiten Brief an die Korinther, „wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen“ (2 Kor 8, 9). Der Weg steht uns offen: Wie Christus sich selbst erniedrigt hat – „er entäußerte sich, wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich“ (Phil 2, 7) –, so lädt er uns ein, unsere eigene Geschichte im gemeinsamen und universalen Lauf der Welt auf uns zu nehmen. Es geht hier um die „Läuterung des Gedächtnisses“, wie man heutzutage besonders im ökumenischen Dialog sagt. Sicher soll man die Vergangenheit im Gedächtnis bewahren - es geht um Geschehnisse, die nicht zu leugnen sind -, aber - so grausam sie auch gewesen sind - für uns, die wir heute leben, dürfen sie nicht das letztlich Bestimmende sein. Um uns darin zu bestärken, sind wir hier - dazu hilft uns Christus, darauf verweist uns unser Leitgedanke aus der Ersten Lesung „Gott hat nicht den Tod gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden“ (Weish 1, 13).
1. „Das Reich des Todes hat keine Macht auf der Erde“ (Weish 1, 14b), sagt das Buch der Weisheit. Wenn wir die Weltgeschichte betrachten, sehen wir eine ständige Abfolge von Kriegen und Freveln, die dem Tod freie Bahn schaffen. Auch heute noch sehen wir in so vielen Ländern - sogar in unserer Umgebung - wie die Achtung vor dem menschlichen Leben fehlt. Allein in Deutschland gab es im vergangenen Jahr 2000 Menschen, die ermordet wurden, hinzu kommen die 4500 Todesopfer von Verkehrsunfällen sowie die Kinder, die abgetrieben wurden.
Ein erster Schritt zu unserer Bekehrung ist eben unser Glaube an Gott, „der den Tod nicht gemacht hat“. Und mehr noch: Gott überwindet den Tod, wie wir im heutigen Evangelium gehört haben. Vom Synagogenvorsteher Jairus gerufen, eilt Jesus zu seinem Haus, um seine Tochter aufzuerwecken; unterwegs heilt er noch die Frau, die seit zwölf Jahren an Blutungen leidet (vgl. Mk 5, 21-43).
Auch die Gesellschaft als solche, die Nationen, die durch Krieg und menschenfeindliche Gesetze Leben vernichten, bedürfen des Umdenkens und der Bekehrung, um heil zu werden. Im folgenden Vers der Lesung heißt es in der griechischen Übersetzung der Septuaginta: „Gott hat alles zum Sein erschaffen und hat den Nationen Heil gebracht“ (Weish 1, 13). Papst Johannes Paul II. pflegte diesen Satz in dieser Formulierung zur Zeit des Krieges in Bosnien zu verwenden, wenn er seine Mitarbeiter zum Gespräch bei sich versammelte, um - soweit es dem Heiligen Stuhl möglich war - Wege für seine Beendigung vorzubereiten.
2. „Heilbringend sind die Geschöpfe der Welt“ (Weish 1, 14).
Die Schöpfung Gottes birgt also das Leben in sich; und es hängt von uns ab, dass wir dieses Leben annehmen, schützen und wachsen lassen. Hören wir jetzt, was Gott den Stammeltern Adam und Eva sagte: „Bevölkert die Erde, unterwerft sie euch“ (Gen 1, 28). Dieser Befehl bleibt für immer gültig, und wir tragen Verantwortung dafür, dass die ganze Schöpfung den künftigen Generationen eine Gabe und keine Last wird.
Leider haben Adam und Eva diese Aufgabe nicht erfüllt: Sie wollten lieber ihren eigenen Weg gehen, ihrem eigenen Willen folgen, und so kommt es zu dem, was der Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer mit den Worten beschreibt: „Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod“ (Röm 5, 12). Die Sünde ist also gottwidrig; denn „Gott hat den Tod nicht gemacht“ (Weish 1, 13).
Christus aber hat die Schöpfung in ihrer ursprünglichen Schönheit wiederhergestellt, und das überraschenderweise durch seinen Tod. Hier haben wir den Kernpunkt der Erlösung, den Kernpunkt unserer Bekehrung. In einer erstaunlichen Formulierung beschreibt der Apostel Paulus den Sieg Christi über den Tod: „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? Der Stachel des Todes ist die Sünde, die Kraft der Sünde ist das Gesetz. Gott sei Dank, der uns den Sieg geschenkt hat durch Jesus Christus, unseren Herrn“ (1 Kor 15, 55-57). Ja, Sieg über den Tod, Sieg über die Sünde!
In diesem Paradox des Sieges Christi über den Tod durch seinen Tod am Kreuz verstehen wir seinen Sieg über die Sünde. Als durch die Taufe Erlöste haben wir Anteil an seinem Tod und seiner Auferstehung, wie der Apostel den Römern schreibt: „Wir wurden mit ihm begraben durch den Tod, und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben“ (Röm 6, 4).
3. Neues Leben ist für uns die Versöhnung durch Gott, von dem uns die Sünde getrennt hatte. Daran erinnert uns der heilige Paulus, wenn er schreibt: „Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in uns wohnen, um durch ihn alles zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, der Frieden gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut“ (Kol 1, 19-20). Der Weg der Versöhnung ist sicher ein Kreuzweg, aber wie für Christus der Weg zur Auferstehung, der Weg zum Leben.
In dieser Beziehung können wir einen leider viel zu wenig bedachten Akt der Versöhnung vollziehen, der für die Geschichte der aus Schlesien Vertriebenen heilbringend sein könnte. Es war am Ende der vierten und letzten Sitzungsperiode des Zweiten Vatikanischen Konzils. Die polnischen Bischöfe hatten am 18. November 1965 ihre deutschen Mitbrüder zur Teilnahme der Tausendjahrfeier der Taufe von Herzog Mieszko I. im Jahr 966 und der damit beginnenden Christianisierung Polens eingeladen. In ihrem Brief sprechen sie von dem „Leid der Millionen von Flüchtlingen und vertriebenen Deutschen (auf interalliierten Befehl der Siegermächte – Potsdam 1945! – geschehen)“ und schließen dann die Bitte an: „Seid uns wegen dieser Aufzählung dessen, was im letzten Abschnitt unserer 1000 Jahre geschehen ist, nicht gram!“ Und am Schluss ihres Briefes heißt es dann: „Wir strecken unsere Hände aus zu Ihnen hin in den Bänken des zu Ende gehenden Konzils, gewähren Vergebung und bitten um Vergebung.“ Die Antwort der deutschen Bischöfe, die am 5. Dezember erfolgte, endet mit den Worten: „Mit brüderlicher Ehrfurcht ergreifen wir die dargebotenen Hände. Der Gott des Friedens gewähre uns auf die Fürbitte der `Regina pacis`, dass niemals wieder der Ungeist des Hasses unsere Hände trenne.“
Die Bischöfe Deutschlands und Polens haben diesen Briefwechsel in ihrer gemeinsamen Erklärung vom 21. September 2005 als „bahnbrechend“ bewertet und gesagt: „Mit ihm haben unsere Vorgänger in christlichem Geist einen entscheidenden Schritt zum Neuanfang in den gegenseitigen Beziehungen unserer Völker getan.“
So unsere Bischöfe in ihrer Verantwortung als Oberhirten. Das ist auch unser Wunsch als Mitglieder der Kirche Christi, des Guten Hirten; denn „Gott hat den Tod nicht gemacht“.
In diesem Briefwechsel der Konzilsväter Polens und Deutschlands können wir eine heutige Umsetzung der Ermahnung des Apostels Paulus –, wenn auch nicht im Hinblick auf materielle, sondern auf geistige Güter – sehen, wenn er in der Zweiten Lesung mahnt: „Im Augenblick soll euer Überfluss ihrem Mangel abhelfen, damit auch ihr Überfluss einmal eurem Mangel abhilft“ (2 Kor 8, 14). Ja! Alle sind wir im Tod Christi am Kreuz mit Gott versöhnt worden. Deshalb sind wir als Söhne und Töchter des allen gemeinsamen Vaters fähig, das uns von Christus gegebene Gebet in all seinen Bitten von Herzen zu beten: das Vaterunser als Frucht des Hochgebetes, des Opfers Christi für uns.
Amen.






