Predigten
Pontifikalamt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
aus Anlass der mündlichen Approbation des Franziskanerordens
durch Papst Innozenz III. vor 800 Jahren
Mariendom zu Neviges, 4. Oktober 2009
Einführung:
Liebe Brüder aus dem Orden des heiligen Franziskus,
liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Die Feier des Festes des heiligen Franziskus hat in diesem Jahr eine besondere Bedeutung, da vor 800 Jahren Papst Innozenz III. dem Heiligen die Ordensregel mündlich bestätigt hat. Wir alle kennen wahrscheinlich die Überlieferung, dass der Papst im Traum sah, wie Franziskus die einstürzende Lateranbasilika stützte. Dem entsprach auf der anderen Seite der Auftrag Christi an Franziskus in der kleinen Kapelle St. Damian: „Geh und baue meine Kirche wieder auf!“
Wir alle sind dazu berufen, die Kirche Christi, an der wir lebendige Steine sind, zu bauen. Besinnen wir uns auf die Schuld und Unzulänglichkeiten in unserem Denken und Tun und bitten wir den Herrn, dass wir durch das Erbarmen Gottes mit neuer Kraft am Bau der Kirche mitwirken.
Predigt:
„Ich aber will mich allein des Kreuzes Jesu Christi, unseres Herrn, rühmen, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt“ (Gal 6, 14)
Liebe Brüder und Schwestern in Christus,
liebe Brüder im Orden des heiligen Franziskus!
Die Nachahmung Christi bei Franziskus ging so weit, dass er an seinem Körper die Stigmata, die Wundmale des Gekreuzigten, trug. Das zeigt, dass das Christsein unser ganzes Wesen, unser ganzes Selbst prägen soll; und so ist das, was wir bei Franziskus sehen, zugleich ein Auftrag für uns. Das Ergebnis hängt sicher von der Gnade Gottes ab, aber auch von unserer Hingabe an Gott. Im heiligen Franziskus wollen wir heute die Überfülle der Gnade Gottes als Quelle unserer Berufung als Christen und besonders als Jünger des heiligen Franziskus betrachten, um vom Vorbild des heiligen Ordensgründers Ansporn für unsere Sendung zu empfangen und so mit neuer Kraft an der Neuevangelisierung der Welt mitzuwirken.
Das Gedenken an die Approbation der Ordensregel vor 800 Jahren soll uns sicher an die Quelle des franziskanischen Charismas zurückführen, um uns an ihrer immer fließenden Frische zu sättigen, so dass unser Denken und Tun immer mehr von diesem seinen Charisma inspiriert wird – bei den Franziskanern und bei allen, die sich ihm verbunden wissen. Die Regel dient ja nicht sich selbst, sondern dem Leben, um es zu fördern, zu bewahren und anderen mitzuteilen. Als Papst Innozenz III. im Jahre 1210 seine Zustimmung zu der Wirksamkeit des Franziskus zur Erneuerung der Kirche gab, versuchte er schon gut vier Jahre, nach dem Evangelium zu leben, und hatte seit zwei Jahren Brüder, die ihn begleiteten. Was bedeutet das, wenn nicht die Nachahmung Christi durch die Nachahmung von Franziskus? Seine Zeitgenossen haben rasch in ihm die „Torheit des Kreuzes“ als fruchtbare Quelle der Freude erkannt, und sie wünschten, wie und mit Franziskus diese Freude anderen zu bringen. Ja, wenn man das Evangelium ernst nimmt, dann ist die Armut der Krippe von Betlehem, die Gemeinschaft mit Christus im gemeinsamen Beten und die volle Hingabe an das Kreuz der privilegierte Weg eines von innerer Freude erfüllten und vollkommenen Lebens. Die Antwort Jesu an den jungen Mann, der ihm folgen wollte, fand in Franziskus eine ausgezeichnete Verwirklichung. „Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkaufe deinen Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Besitz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach“ (Mt 19, 21).
Folgen wir dem gleichen Weg in unserer Betrachtung, so werden wir auch immer bessere Söhne und Töchter des heiligen Franziskus.
1. Die Regel wurde durch Franziskus und seine Jünger verkörpert und gelebt. Sie haben das Evangelium nicht nur ernst genommen, sondern es einfach zu ihrer Lebensregel gemacht. Die Texte des Evangeliums waren ihre Regel. Und für ihre Zeitgenossen sind sie selbst ein lebendiges Evangelium geworden. Die damalige Zeit glich der unsrigen, in ihr hatte der Wohlstand für viele absolute Priorität; und sogar gute Christen konnten sich einem entsprechenden Denken nicht entziehen. Was aber sagte Jesus zu dem jungen Mann? „Verkaufe deinen Besitz und gib das Geld den Armen“ (Mt 19, 21).
Unbelastet von materiellen Gütern ist der Weg der Freude und des Friedens; also ist Armut unbedingt notwendig, wenn man diese Freude erlangen will. Der nackte Franziskus vor dem Bischof von Assisi – in seinen Mantel gehüllt -, stellt vortrefflich dar, wie die Hirten der Kirche das Charisma des Franziskus von Anfang an als eine Gnade Gottes für die Kirche nicht nur anerkannt, sondern auch geschützt haben - wie Innozenz III., der vier Jahre später auf höchster Ebene seine Zustimmung gegeben hat.
Darf ich Ihnen, liebe Minderbrüder, einen vielleicht für Ihre Oberen und auch für Sie selber ungewöhnlichen und vielleicht befremdend wirkenden Vorschlag unterbreiten. Wenn Sie authentische Franziskaner sein wollen, lesen Sie die Fioretti, in denen man - wenn auch mit vielen legendären Ereignissen ausgeschmückt – Franziskus leibhaftig vor Augen oder - besser gesagt – im Herzen hat. Als ich im Priesterseminar eine kleine Arbeit für den Exegesekurs schreiben sollte, gab mir der Professor die Fioretti zu lesen – mit der Aufgabe, diese mit den Evangelien zu vergleichen. Der Unterschied zwischen den Schriften ist gewiss fundamental: legendär bis zum Mythos die Fioretti – historisch im Lichte des Glaubens die Evangelien. Aber beide lassen uns den, um den es jeweils geht – Franziskus bzw. Jesus -, tief kennen lernen, mit Begeisterung lieben und in uns den Wunsch entstehen, ihn nachzuahmen.
Als Abbild Christi ist Franziskus für uns ein lebendiger Christ, und jedes Kapitel der Fioretti gibt uns Nahrung und Erfrischung zu den Kapiteln der Regel. Wie es der Apostel Paulus gegenüber den Korinthern tat (1 Kor 11, 1), so sagt uns Franziskus heute: „Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme.“
2. Welches sind die Hauptzüge des heiligen Franziskus, die uns zur Nachahmung einladen? Es geht also dabei nicht um eine Ausrichtung in äußeren Dingen wie bei der Mode, bei der viele Menschen gleiche oder ähnliche Kleider, Anzüge oder Hüte tragen, sondern um die Grundhaltung des Heiligen als die Quellen seines Lebens: die Armut, die Demut und die seraphische Liebe.
Ja, Franziskus ist hauptsächlich für seine Armut bekannt. Der „Poverello von Assisi“ hat nicht nur seine Zeitgenossen durch den Verzicht auf den Wohlstand seiner Familie beeindruckt – besonders die junge Klara –, sondern Menschen zu allen Zeiten und in allen Kulturen. Solche Armut führt zu den Fragen nach dem Wesentlichen: Was bin ich? Wozu lebe ich? In ihnen geht es um die Verinnerlichung der Mahnung Jesu: „Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz“ (Mt 6, 21). In seiner Armut wird Franziskus für uns ein Ansporn, und er verweist uns auf Christus, über den der Apostel Paulus den Korinthern schreibt: „Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen“(2 Kor 8, 9). Das ist eben der Dienst der Heiligen für die Kirche, sie in einer ständigen „Communio sanctorum“, also in der „Gemeinschaft der Heiligen“, an ihrem Charisma teilhaben zu lassen.
Die zweite Quelle ist die Demut, in der der Mensch die eigene Nichtigkeit und Armut anerkennt. „Was hast du, was du nicht empfangen hättest?“ (1 Kor 4, 7), schreibt Paulus im Ersten Brief an die Korinther. Demut ist das beste Mittel, das Herz zu bewegen, die Stimme Gottes zu hören und die Gnade Gottes zu empfangen. Denn an und für sich könnte die Armut zu einer Gefahr werden, wenn man sich mit ihr brüstete im Gedanken an die erste Seligpreisung der Bergpredigt: „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich“ (Mt 5, 39). Demut kommt nie aus ihr selber. Sie setzt vielmehr eine Beziehung voraus, unsere Beziehung zu Gott, der Quelle des Lebens und aller Vollkommenheit. Demut schließt Gehorsam ein. Und Ordensleute wissen ja, dass Gehorsam ohne Demut nicht lange halten kann. In seiner Demut – er wollte der letzte sein, deswegen nannte er sich Minderbruder – ist uns Franziskus Ansporn, unsere Aufgabe in der Kirche so zu erfüllen, wie Paulus es von den Christen in Korinth erwartet, wenn er schreibt: „Seht doch auf eure Berufung, Brüder! … Das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen“ (1 Kor 1, 27f).
Schließlich wird Franziskus „seraphisch“ genannt; er ist der einzige, der uns mit dieser himmlischen Eigenschaft als Vorbild vor Augen gestellt wird. „Seraphisch“ bedeutet nicht nur, dass er auf dem Berg La Verna die Stigmata, die Wundmale Christi, von einem Seraph empfing. „Wie im Himmel, so auf der Erde“, so beten wir im Vaterunser, wo es darum geht, dass der Wille Gottes überall verwirklicht wird. Franziskus war diesem Willen Gottes in voller Armut gehorsam, so dass Christus ihn auch körperlich zu einem irdischen Abbild gemacht hat. Hier geht es um reine Passivität vor Gott, während die Demut unser Mitwirken verlangt und Armut ganz aus sich kommen könnte.
3. Kommen wir nun zur Regel zurück und betrachten sie im Lichte der Fioretti. Die Regel wird in Franziskus lebendig, oder besser gesagt: Das Leben des heiligen Franziskus wird in ihr für uns lebendig. Dreimal hat er seine Regel vorgelegt: 1209, 1223 nach seiner Rückkehr aus dem Nahen Osten, wo er mit den Sarazenen gesprochen hatte, und schließlich die bullierte Regel von 1223. Diese letzte Regel approbierte Papst Honorius III. gerade vier Wochen vor dem berühmten Weihnachtsfest in Greccio mit der ersten bekannten Weihnachtskrippe. Betrachten Sie dieses Ereignis in den Fioretti, und Sie werden wie Franziskus im Glauben und in der Liebe das Jesuskind lebendig in Ihren Händen und in Ihrem Herzen tragen.
Eines bleibt uns an unserem heutigen Fest noch zu betrachten: Es geht um Franziskus als Heiligen, das heißt als Menschen, der uns durch die Kirche als Vorbild vorgestellt wird. Kaum zwei Jahre nach seinem Tod hat ihn Papst Gregor IX. in Assisi heilig gesprochen. Zeigt das nicht, wie hoch geschätzt Franziskus in der ganzen Kirche war? Sein Charisma, das Evangelium ernst zu nehmen und zu verwirklichen – in Wort und Tat –, wurde sofort als geeignetes Mittel für die Verwirklichung der Sendung der Kirche in der Welt, die auf die Erlösung der Menschen zielt, anerkannt, gefördert und bewahrt.
Heute ist es an Ihnen, den Brüdern und Schwestern aus den Gemeinschaften des heiligen Franziskus, sein Charisma in der Kirche und in der Welt brennen und leuchten zu lassen. Ihre Regel, in den Fioretti lebendig, soll Sie jeden Tag neu und mehr dazu anleiten und Ihnen Ermutigung und Hilfe sein.
Amen!






