Predigten

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. PDFDruckenE-Mail



Predigt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
in der Pontifikalvesper zum Fest des Hl. Kirchenlehrers Albert des Großen

(Dominikanerkirche Sankt Albert zu Leipzig, 15. November 2009)




Predigt:

„Jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreiches ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt“ (Mt 13, 52)

Liebe Brüder des Predigerordens,
liebe Brüder und Schwestern!

Dieser Vers aus dem Matthäusevangelium scheint besonders geeignet, den heiligen Albertus Magnus, dessen Fest wir heute begehen, zu charakterisieren. Auch wenn die Kirche ihn erst 1931 heilig gesprochen und ihn zugleich zum Kirchenlehrer erhoben hat, hatte ihm das christliche Volk schon lange den Beinamen „der Große“ zuerkannt und mit dem speziellen Ehrentitel „doctor universalis“ seinen Rang unter den berühmten Theologen zum Ausdruck gebracht. Lassen wir uns durch diese drei Titel führen, damit uns unsere Betrachtung über Albertus Magnus in unserem eigenen Verantwortungsbereich als Mitglieder des Predigerordens - oder was auch immer - erneuert und uns Anregungen gibt. Mit Recht sagt man, die Heiligen seien nicht in den Einzelheiten ihres Wirkens nachzuahmen, sondern in ihrer Grundhaltung zu Gott und den Menschen. Je mehr wir Heilige kennen und betrachten, umso besser finden wir den Generalschlüssel zu ihrem Leben in der Verborgenheit mit Gott, der ihnen ständig Weisheit, Rat und Kraft gab, damit sie aus diesem Schatz „Neues und Altes“ hervorholen konnten.

1. Der Ehrentitel „doctor universalis“ entspricht dem menschlichen Genius, den Wissenschaftler in Albertus Magnus anerkennen. Die Lebensumstände boten gute Voraussetzungen für eine solche Entfaltung seiner Persönlichkeit: Um die Wende zum 13. Jahrhundert als Sohn des Ministerialen Markward von Lauingen geboren, war es ihm vergönnt, bei einem Onkel in Venedig und Padua zu wohnen und in Padua die artes liberales, Naturwissenschaften und vielleicht auch Medizin zu studieren. Die berühmte Universität von Padua wurde erst 1222 von Professoren und Studenten gegründet, die Bologna verlassen hatten, weil sie für ihre wissenschaftliche Forschung Autonomie forderten. Vielleicht war auch Albert von diesen Gedanken beeinflusst, wenn nicht in sie involviert. Ein Jahr später trat er in Padua, wo er Jordan von Sachsen, den Nachfolger von Dominikus in der Ordensleitung der Predigerbrüder, kennen gelernt hatte, in diesen Orden ein. Denn er fühlte sich zum Leben in diesem Orden hingezogen, das zu seiner Ausrichtung passte: „Contemplata aliis tradere“. Es war die Zeit eines großen Umbruchs bei der Suche nach Wahrheit und Weisheit, eine Zeit, in der die meisten europäischen Universitäten – normalerweise durch eine päpstliche Bulle – gegründet wurden – wie Paris im Jahre 1215. Die Universität Bologna wurde schon 1158 von Kaiser Friedrich Barbarossa in ihrer wissenschaftlichen Autonomie bestätigt. Der junge Albert fand ein seinem Wissensdurst adäquates Feld, auf dem er sich ganz den freien Künsten widmen konnte. Nicht nur die Philosophie - die Werke des Aristoteles wurden entdeckt und verbreitet -, sondern auch die Naturwissenschaften – Botanik, Biologie und sogar Astronomie – hatte er durchstudiert. Später gilt er als Lehrer, der in allen diesen Fächern kompetent ist.

Ein Bild des heiligen Albert hat mir den auf ihn angewandten Titel „doctor universalis“ erklärt. Ich war bei den Missionsdominikanerinnen von King Williams Town in Südafrika zu Besuch. Dort sah ich im Speisesaal ein riesiges Bild des heiligen Albert. Besonders auffallend dabei war eine Katze zu seinen Füßen. Ich ließ mir diese Eigenart erklären. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich Albert nur als Philosophen und Theologen geschätzt, besonders, weil an seinem Namenstag – wie heute – der „dies academicus“ der Universität Fribourg begangen wurde.

2. Zum Kirchenlehrer erhoben wurde Albertus Magnus 1931 von Papst Pius XI. Diese Ehrung war verbunden mit seiner Heiligsprechung. Und was für ein Lehrer war er, der in der Zeit seiner Lehrtätigkeit an der Sorbonne den jungen Studenten Thomas von Aquin in die Philosophie und die Theologie einführte, der ihm dann nach Köln folgte! Die Anziehungskraft des Professors wird den Jüngeren zu einem noch größeren Theologen heranbilden: Thomas wurde schon 1569 zum Kirchenlehrer erklärt und seit 1880 als „doctor communis“ wie auch als „doctor angelicus“ bezeichnet.

Beim Vergleich dieser beiden Leuchten des Dominikanerordens wird deutlich, dass die Wahrheit, auch wenn sie in verschiedener Weise zum Ausdruck gebracht wird, immer dieselbe bleibt – im Bereich des Göttlichen wie im Bereich des Menschlichen. Die Tatsache, dass Albert zwei Jahre lang Bischof von Regensburg war (1260-1262), könnte der Grund dafür sein, dass Papst Benedikt XVI. 2006 seinen Vortrag über die Beziehung zwischen Vernunft und Glauben in der Universität von Regensburg gehalten hat. In der Lehre des heiligen Albert, der in der Theologie wie in den Profanwissenschaften stets die Wahrheit zur Geltung brachte, wird deutlich, dass es keinen Widerspruch zwischen Vernunft und Glauben geben kann, weil beide im Dienste der Wahrheit stehen, die ihre Quelle in Gott hat. Schöpfung und Erlösung sind nicht antithetisch, sondern bilden zusammen das Fundament wissenschaftlichen Forschens. Albert sagt zu Recht: „Gott lässt sich in der Welt finden“, und wir alle kennen Heilige, die angesichts der Schöpfung oder wegen der Schöpfung Gott loben und preisen, wie etwa der heilige Franziskus in seinem Sonnengesang. Von Ignatius von Loyola wird berichtet, dass man ihn eines Tages ohne Erfolg im ganzen Hause suchte - um ihn schließlich, vor einer Rose kniend, in tiefer Betrachtung vor Gott, seinem Schöpfer, zu finden. Die Heiligen werden uns immer wieder zum Staunen führen; und je besser wir ihr Leben und ihre Werke kennen, umso mehr verstehen wir das Geheimnis ihres Wirkens für die Kirche und die Welt.

Als Kirchenlehrer ist Albertus Magnus ein glühender Verbreiter der Wahrheit und so ein vortrefflicher Prediger. Wie ein kluger Hausherr hat er den Satz Jesu: „Die Wahrheit wird euch befreien“ (Joh 8, 32), zu einem Ansporn für alle Suchenden gemacht, so dass sie in ihren Studien nie den Mut verlieren: „Findet die Wahrheit; denn sie macht euch frei.“

3. Albert wird als „der Große“ - „Magnus“ - bezeichnet. Er ist der vierte und letzte Heilige, dem die Kirche diesen Beinamen verliehen hat – nach Basilius, Leo und Gregor, also vier Bischöfen, von denen zwei Päpste waren.

Im Bereich der Politik wird der Ehrentitel „der Große“ Herrschern zuteil, die etwas besonders Denkwürdiges vollbracht haben, so z. B. Friedrich dem Großen, weil es ihm gelungen ist, Preußen in die Pentarchie der Großmächte jener Zeit einzuführen.

Für den heiligen Albertus Magnus ist diese Anerkennung seinem wissenschaftlichen  Werk zu danken. Die Herausgeber seiner Gesammelten Werke sind davon überzeugt, dass sie für die „Editio Coloniensis“ noch viel zu tun haben werden, bis alle Schriften veröffentlicht sind.

Doch für uns ist Albert ein „Großer“ wegen seiner Haltung vor Gott und zu den Menschen. Als Ordensmitglied hat er die unterschiedlichen Ämter übernommen, die ihm aufgetragen wurden, und hat sie treu ausgeübt. Als Provinzial der Provinz Teutonia besuchte er alle Klöster der Provinz und übte die Lehrtätigkeit dort aus, wohin seine Oberen ihn schickten. Groß als Genius, war Albert demütig in seinem Denken und Handeln. Wie das Buch der Sprichwörter sagt, wusste er wohl: „Gottesfurcht erzieht zur Weisheit, und Demut geht der Ehre voraus“ (Spr 15, 33).

Uns beeindruckt, wie er als Christ und Priester gelebt hat. Er weiß sehr wohl, dass nach der Lehre Christi seine Predigten nur dann Erfolg haben können, wenn er selbst Zeuge der Wahrheit ist. Ein Satz von ihm scheint das zu bestätigen. Er schreibt: „Wer seinem Nächsten zu Hilfe kommt in seinem Leid, sei es geistlich oder weltlich, dieser Mensch hat mehr getan als derjenige, der von Köln bis Rom bei jedem Meilenstein ein Münster errichtet.“ Er konnte einen solchen Vergleich leicht anstellen, weil in seiner Zeit so viele berühmte Kirchen errichtet wurden; und vielleicht war bei der Grundsteinlegung des heutigen Kölner Domes im Jahre 1248 – kurz nach der Rückkehr aus Paris – anwesend.

Im christlichen Sinne ist Albert ein Großer, weil er die Weisung Christi verwirklicht hat: „Der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste, und der Führende soll werden wie der Dienende“ (Lk 22, 26). Darin war er eben wie sein Meister, Christus, der „nicht gekommen ist, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben für viele“ (Mk 10, 45).

Hier finden wir den Generalschlüssel für die dreifache Bewährung des heiligen Albert: Er hat sich Christus völlig und ständig hingegeben, so dass nicht mehr er lebt, sondern Christus in ihm (vgl. Gal 2, 20).

Amen!