Predigten

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Predigt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
anlässlich der Orgelweihe in der Pfarrkirche St. Marien zu Witten

(Witten, 22. November 2009)



„Ihm“ – dem Menschensohn der Vision des Propheten Daniel –
„wurden Herrschaft, Würde und Königtum gegeben“ (Dan 7, 14)

Predigt:

Exzellenz,
liebe Mitbrüder im Priester- und Diakonenamt,
liebe Brüder und Schwestern!
   
Die Herrschaft Christi wird heute, am letzten Sonntag des Kirchenjahres, namentlich und ausdrücklich gefeiert; denn „er ist“, wie der Apostel Paulus an die Kolosser schreibt, „das Haupt des Leibes, der Leib aber ist die Kirche. … Gott wollte alles im Himmel und auf Erden zu Christus führen, der Frieden gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut“ (Kol 1, 18-20). Die Hingabe Christi für uns, die er am Kreuz ein für alle Mal vollzogen hat, wird in jeder Eucharistiefeier unter uns Gegenwart; diese ist deshalb immer die Feier unseres Königs, die wir heute in besonderer Festlichkeit begehen. Die Liturgie mit Musik und Gesängen ist Ausdruck unserer tiefen Verbundenheit mit Christus – Paulus vergleicht im Epheserbrief diese Verbindung Christi zur Kirche mit der Ehe. Das gilt erst recht für die Liturgie an einem Tag wie dem heutigen; denn die Weihe der neuen Orgel dieser Pfarrkirche ist ein besonderes Zeugnis unserer Beziehung zu Christus, unserer Haltung zu ihm, die der der heiligen Cäcilia gleichen soll, so dass wir selber ein Lobgesang für Gott werden.

Ich werde aber keinen Vergleich zwischen Christkönig und der Orgel als Königin der Musikinstrumente anstellen, auch keine Betrachtung über die heilige Cäcilia als Patronin der Kirchenmusik halten, sondern über uns selber als Glieder der Kirche, deren Haupt Christus ist. Das heutige Fest gilt Christus, dem König – und deshalb auch uns, weil wir unter seiner Herrschaft stehen und sie anerkennen. Für die Darlegung dessen, was es bedeutet, unser Denken und Tun in der Kirche unter seiner Leitung zu erneuern, werde ich aber an diesem Tag die Orgel als Bild benutzen.
   
1. Ich fange mit einem persönlichen Erlebnis an, das mit der Orgel zu tun hat. Ich war zwölf Jahre alt. Unser Lehrer des letzten Primarkurses bat mich, zur Kirche zu gehen, um dem Orgelstimmer zu helfen. Dieser erklärte mir, wie ich den Tasten folgen sollte – langsam und auf seine Anweisung wartend, um dann von einer Taste zur anderen voranzuschreiten. Dann sagte er: „Weiter“ oder „warte!“, bis der Klang klar war. Es dauerte über die Schulstunden hinaus. Trotzdem war ich im Nachhinein froh, weil ich so zum perfekten Klang der Orgel in unserer Kirche hatte beitragen können.
   
Über die Tasten musste jede Orgelpfeife geprüft und gegebenenfalls gestimmt werden. Der Orgelstimmer verfeinerte den Klang mit seinem Spezialhammer. „Warte“, „noch einmal“, sagte er, sobald der Ton nicht klar war.
   
Auf uns angewandt bedeutet der Einsatz des Orgelstimmers, dass Gott uns ständig vervollkommnet. Nicht mit dem Hammer, sondern mit seiner Gnade, durch die Sakramente erneuert uns Christus, damit wir im Chorgesang der Kirche schön singen, damit unser Leben sich in lebendigem Glauben entfaltet. „Weiter!“, sagt uns Christus meistens, wenn wir uns im Gebet besinnen, wenn wir kommunizieren, wenn wir etwas Gutes getan haben. Falls wir aber untreu werden und sündigen, kommt seine Stimme: „Warte!“, und er selber führt uns auf den rechten Weg zurück, wenn wir uns durch seine Gnade bekehren lassen. Auf unserer Seite ist es aber nötig, uns zu besinnen, Reue zu erwecken – „den Finger auf der Taste zu lassen“ -, bis die Stimme Christi uns sagt: „Weiter!“
   
2. Die Orgel scheint mir ein geeignetes Bild zu sein, mit dem man die Kirche darstellen kann. Sie wissen, dass die Orgel viele Register hat: von den Engelstimmen bis zur Bombarde – dem Bassregister -, vom Prinzipal zu den verschiedenen Flöten, die alle im Einklang ertönen oder je nach Partitur einzeln oder aneinander gekoppelt spielen.
   
Die Orgel bringt so zur Darstellung, was der Apostel Paulus den Korinthern schrieb, um sie zur Einheit und zu gegenseitiger Liebe zusammenzuführen, weil die Gemeinde in Korinth von Anfang an ziemlich zerstritten war: Die einen beriefen sich auf Petrus, andere auf Apollos oder Paulus selber oder sogar auf Christus. Der Apostel nimmt das Bild vom Leib und seinen Gliedern, um ihnen zu zeigen, dass jedes Mitglied der Gemeinde seine eigene Aufgabe zu erfüllen und sein je eigenes Amt auszuüben hat für das Wohl aller (vgl. 1 Kor 12).
   
Die älteste immer noch benutzte Orgel der Welt ist die von Valère in Sitten im Kanton Wallis in der Schweiz (1435), dann folgen die von Rysum, Kiedrich und Ostönnen. Hätte es die Orgel zu seiner Zeit schon gegeben, hätte der Apostel Paulus vielleicht auch sie – zusammen mit dem Bau des Hauses und dem Leib – als Bild für das Miteinander in der Kirche verwendet – für das Auskommen miteinander und die Zusammenarbeit. In seiner Zeit gab es ja viele Musikinstrumente – wie schon zur Zeit Davids und der Psalmen. Obwohl die ersten Orgeln schon im dritten Jahrhundert gebaut wurden, wurde die Orgel erst im elften Jahrhundert in den Dienst der Liturgie gestellt. Damals war sie ein Privileg von Kathedralen und Klosterkirchen. Bald wurde auch die heilige Cäcilia mit einer Orgel dargestellt – wie z. B. in der Mitteltafel des Bartholomäusaltares (1505/10) in der Alten Pinakothek in München.
   
Während das Wort „Orgel“ sich letztlich aus dem Griechischen herleitet – von „organon“, das mit „Werkzeug“ oder „Instrument“ übersetzt wird –, wird die Bedeutung der Orgel als Bild der Kirche deutlich durch ihre Bezeichnung als „Magd des Herrn“ – „ancilla Domini“ –. Es ist sicher das erste der liturgischen Musikinstrumente in der Kirche.
   
So ist auch die Kirche, die durch ihre Lehre und die Sakramente Mittel Christi zu unserer Erlösung ist, Dienerin Gottes in ihrem Leben. Und das gilt auch für uns, die Mitglieder der Kirche, wenn wir in ihr im Glauben leben.
   
3. Das Spielen der Orgel kann verglichen werden mit der Beziehung Christi zur Kirche. Der Organist ist derjenige, der alle Pfeifen erklingen lässt, mit Händen und Füßen. Christus ist derjenige, der uns als die Kirche wirken lässt, durch die Spendung der Sakramente und die Verkündigung seiner Botschaft. Hat er uns nicht versprochen, dass er bei uns bleibt bis zum Ende der Zeiten (vgl. Mt 28, 20)? Hat er uns nicht seinen Geist verheißen, der uns lebendig machen soll (vgl. Joh 15, 4-20)? Die Orgelpfeifen geben ihren Klang, wenn der Organist die Taste niederdrückt und dadurch der „Wind“ durch die entsprechende Pfeife hindurchgeht. In einem Roman, der das Drama des Modernismus am Anfang des 20. Jahrhunderts in breiter Weise darstellt, verwendet der Verfasser eine bedeutsame Redewendung, um das Wirken des Geistes Gottes in unserem Leben zum Ausdruck zu bringen – unter Bezugnahme auf das Wort Christi: „Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist“ (Joh 3, 8). Der Schriftsteller geht von dieser Lehre Christi aus und fügt hinzu: „Ja, der Wind weht, wo er will; aber der Klang, der dabei herauskommt, hängt von den Flötenpfeifen ab“ (Joseph Malègue, Augustin ou le Maitre est là).
   
Ja, es hängt von uns ab, nämlich von unserer Bereitschaft, uns durch den Heiligen Geist bestimmen zu lassen und - wie die heilige Cäcilia - aus unserem Leben einen Lobgesang zur Ehre Gottes zu machen. Die Orgel wurde als Hauptinstrument beim liturgischen Dienst eingeführt, weil sie die Vielfalt und Verschiedenheit der Register und Töne zur Einheit zusammenführt. Ist uns das nicht ein Vorbild für unser Mittun in der Kirche, in dieser Pfarrei, im Erzbistum Paderborn, in der Gesamtkirche: dass wir uns durch den Geist Christi immer neu beleben lassen, so dass wir die Kirche jeder an seinem Platz, in unserem Amt, mit unseren Eigenschaften zu Gehör bringen?
   
Die Orgelweihe am Christkönigsfest ist für diese Gemeinde, für jeden Pfarrangehörigen, ein vortreffliches Mittel, sich darum zu bemühen, immer lebendigere Glieder der Kirche Christi zu werden. Das Fest unseres Königs ist – wie ich eingangs schon sagte – auch unser Fest, weil wir ihn als unseren König und Erlöser anerkennen und von ihm unser Christsein empfangen haben. Die Orgelweihe erinnert uns an unsere Verantwortung für unser Leben in der Kirche. Und immer, wenn Sie an der Liturgie hier in der Pfarrkirche St. Marien teilnehmen, wird die Orgel Ihnen diese Verantwortung neu ins Bewusstsein rufen.
   
Ich wünsche Ihnen, dass Ihr Leben wie das der heiligen Cäcilia immer mehr Lobgesang zur Ehren Christi, unseres Königs, werde und dass Harmonie und Wohlklang, die Kennzeichen der Orgel sind, das Miteinander aller präge.   
   
Amen!