Predigten

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Pontifikalamt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
anlässlich des Festes des heiligen Gangolf

(Kapelle St. Gangolf zu Neudenau, 9. Mai 2010)





„Der Heilige Geist und wir haben beschlossen“ (Apg 15, 28)

   
Liebe Brüder und Schwestern!

„Der Heilige Geist und wir haben beschlossen“ – Ja, mit diesen Worten werden in der Apostelgeschichte – wie wir in der Ersten Lesung gehört haben – Beschlüsse des Apostelkonzils eingeleitet, die auch für uns und für alle Zeiten gelten: Auch wir sollen nach der Lehre Christi leben und uns in der Welt so verhalten, dass wir Zeugen Christi sind – wie der heilige Gangolf, den die Gemeinde von Neudenau – Gott zu Ehren – seit 1924 wieder mit dem St. Gangolfsritt zu dieser Kapelle, die ihm geweiht ist, ehrt und feiert.

Warum das heutige Fest? Was bedeutet St. Gangolf für uns heute? Wozu soll die Feier seines Gedächtnisses uns führen?

Das sind drei Fragen, auf die ich mit Ihnen und für Sie eine Antwort geben möchte. Die grundlegende Antwort wurde uns schon im Tagesgebet gegeben, in dem wir Gott baten, dass wir durch seinen mächtigen Schutz – wie der heilige Gangolf – in allen Angriffen des Feindes bestehen können.

Die Feier der Heiligen soll nicht nur die Ereignisse ihres Lebens in unserem Gedächtnis bewahren, sondern auch - und hauptsächlich – dazu beitragen, dass wir sie in ihrer Treue zu Christus als Vorbilder und Ansporn für uns erfahren. Dafür brauchen wir den Beistand des Heiligen Geistes – damit wir die Botschaft Christi in ihrer Fülle richtig verstehen und unser Leben nach ihr ausrichten.

Nun zu unseren Fragen:

1. Warum der heutige Gangolfsritt?

Die Historiker wissen wenig über den heiligen Gangolf, und die Hagiographen, d. h. die späteren Schriftsteller, die über ihn als Heiligen berichten, bringen immer neue Aussagen, die das Bild von Gangolf ausschmücken. Die Grundzüge der Darstellung des Lebens des heiligen Gangolf stehen jedoch außer Zweifel: Gangolf war Sohn einer Familie aus dem niederen Adel zur Zeit von König Pippin dem Jüngeren, dem Vater Karls des Großen; geboren wurde er in Burgund und deshalb als junger Ritter in die Begleitung des Königs gerufen. Daher wird er mit Speer und Schild dargestellt. Warum wird er als Märtyrer verehrt? Weil seine ihm untreue Ehefrau ihn durch ihren Geliebten ermorden ließ, obwohl er ihr ihre Untreue vergeben und sich in die Einsamkeit zurückgezogen hatte.

Nicht ohne Grund hatten die Apostel, wie wir in der Ersten Lesung gehört haben, mit dem Heiligen Geist den Christen in Antiochia die Auflage erteilt, sich vor Unzucht zu bewahren (vgl. Apg 15, 28). Das galt am Anfang der Kirche, das galt zur Zeit Gangolfs, das gilt ebenso auch heute noch. Die Untreue gegenüber der Lehre Christi in dieser Hinsicht vernichtet das Vertrauen zur Kirche - besonders wenn wie im Falle von Gangolf das Verbrechen von einem Kleriker begangen wurde.

Die Heiligen – gleich welchen Jahrhunderts – sind immer unsere Zeitgenossen – nicht notwendigerweise in den inhaltlichen Fakten ihres Lebens, wohl aber in ihrer Haltung, in der sie durchgängig in Treue gegenüber der Lehre Christi und in seiner Nachfolge gelebt haben. Nicht umsonst werden wir gleich im Glaubensbekenntnis ausdrücklich die „Gemeinschaft der Heiligen“ bekennen. Das tun wir heute bei diesem traditionellen St. Gandolfsritt in Neudenau, d. h. bei dem Ritt, durch den zeigen wollen, dass wir mit Christus unterwegs sind.

2. Damit sind wir bereits bei unserer zweiten Frage: „Was bedeutet uns der heilige Gangolf?“

Ist es einfach das Gedenken an einen Adeligen, an einen guten Christen, an einen tapferen Ritter, einen Gatten, der seiner untreuen Frau vergibt? Das ist es sicherlich auch, aber damit all das uns heute zum Ansporn für unser Leben wird, müssen wir noch zur Quelle seiner Haltung vorstoßen. Durch die Taufe wurde er – wie wir alle – Glied des mystischen Leibes Christi. Und er ist dem Taufversprechen treu geblieben, sich von allem Bösen fernzuhalten und sich an der Gnadenquelle immer wieder zu erfrischen. Seine Ermordung hat zu dieser seiner Treue etwas hinzugefügt, etwas Tragisches, das durch den Kontrast zur Lebensweise seiner Frau und ihres Geliebten besonders hervorsticht. Der heilige Gangolf zeigt, wohin die Liebe zu Christus führen kann: bis zur Hingabe seiner selbst: „Wer sein Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen“ (Mt 10, 39).

Es geht also bei der Verehrung eines Heiligen wie Gangolf um Treue, Versöhnung und Hingabe. Das wünschen wir von Gott zu erlangen, wenn wir im Gabengebet Gott bitten: „Du hast das Blutzeugnis des heiligen Gangolf als kostbare Gabe angenommen; lass auch die Zeichen unserer Hingabe dir wohlgefallen.“ Damit scheint mir die zweite Frage beantwortet: in Worten - und wie wir hoffen, auch in Werken.

3. Die dritte Frage passt wohl zum Ritt: „Wozu soll das Gedächtnis, eben das Gangolfsfest, uns führen?“

Die Grundantwort wird uns im Schlussgebet der Messfeier gegeben: „Gütiger Gott, gewähre uns am Gedenktag des heiligen Märtyrers Gangolf, dass wir in der Bedrängnis geduldig ausharren, aus deiner Gnade leben und von deiner Liebe immer mehr angezogen werden.“

Mir scheint die Geduld in der Bedrängnis das Hauptziel und die Hauptgnade des heutigen Gangolfifestes zu sein. Bedrängnisse haben wir viele – in allen Umständen unseres irdischen Lebens, sie überfallen uns von allen Seiten.

Sagt uns Christus nicht: „Ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden; wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet“ (Mk 13, 13)? Bis zum Ende? Ja! Wenn der Weg dieses Lebens zu Ende ist, dann erwartet uns die ewige Gemeinschaft mit Christus in seiner Herrlichkeit. Bis dahin gilt es, den Glauben zu bewahren, und „wie im Himmel so auf Erden“ den Willen Gottes zu verwirklichen. Wir haben in der Lesung aus der Offenbarung des Johannes über das Neue Jerusalem gehört: „Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond, die ihr leuchten. Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm“ (Offb 21, 23). Das ganze Buch der Offenbarung des Johannes sagt uns, dass Treue im Glauben, Beharrlichkeit mit Geduld und Gehorsam gegenüber der Lehre Christi nicht ohne Kampf zu bewahren sind. Der Sieger über das Böse ist das Lamm Gottes, Christus, der am Schluss als Reiter auf dem weißen Pferd erscheint; sein Name ist: „der Treue und der Wahrhaftige“ (vgl. Offb 19, 11-21).

Wir sehen im Leben des heiligen Gangolf Züge, die uns an den Reiter der Offenbarung erinnern. Und ihm gelten wegen seiner Nachahmung Christi auch die gleichen Bezeichnungen: „der Treue und der Wahre“.

Dahin werden wir alle geführt, weil auch wir durch die Taufe Glieder des mystischen Leibes Christi sind (vgl. 1 Kor 12, 27), und wir haben Anteil an seiner Heiligkeit, an seinem Sieg über das Böse und den Tod, an seiner Treue und Wahrheit.

Mit dem Licht des Heiligen Geistes und durch die Lehre der Kirche  auf den Weg des Glaubens gebracht, angespornt durch das Vorbild des heiligen Gangolf, wollen wir heute und morgen und immer wieder neu mit Christus, dem Sieger, reiten, d. h. im Glauben, in einem seiner Lehre entsprechenden sittlichen Leben unseren christlichen Weg weitergehen. So mahnt uns der Apostel Paulus in seinem Brief an die Epheser: „Legt die Rüstung Gottes an, damit ihr am Tag des Unheils standhalten, alles vollbringen und den Kampf bestehen könnt“ (Eph 6, 13), und empfiehlt besonders den „Schild des Glaubens“ und das „Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes“ (Eph 6, 16f.).

So hatte sich der Märtyrer Gangolf gewappnet, so sollen es auch wir heute uns rüsten.
   
Amen!