Predigten
Predigt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
im Pontifikalamt am Hochfest des heiligen Norbertus,
des Gründers des Prämonstratenserordens
(Pfarr- und Klosterkirche St. Marien zu Windberg, 06. Juni 2010)
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
im Pontifikalamt am Hochfest des heiligen Norbertus,
des Gründers des Prämonstratenserordens
(Pfarr- und Klosterkirche St. Marien zu Windberg, 06. Juni 2010)
„So spricht der Herr: Jetzt will ich meine Schafe selber suchen“ (Ez 34, 11)
Liebe Brüder und Schwestern!
Ja, Gott selber kümmert sich um uns, um unser Wohl, um unsere Gesundheit, um unser Zusammensein in einer Herde unter seiner Führung. Was der Prophet Ezechiel in alttestamentlicher Zeit dem Volk Gottes und den Verbannten in Babylon verkündete, wurde noch aktueller in der Zeit des heiligen Norbert, als es - wie im Prinzip zu jeder Zeit - darum ging, das Volk Gottes des Neuen Bundes, die Kirche Christi, zu erneuern, zu reinigen und zur Einheit zu führen. Es war in Deutschland die Zeit der Auseinandersetzung zwischen Staat und Kirche, bei der es um die Besetzung kirchlicher Ämter durch den Kaiser ging. Der Streit war schon 70 Jahre vorher durch Papst Gregor VII. zugunsten der kirchlichen Verantwortung entschieden worden, doch ging es immer noch darum, die getroffene Vereinbarung überall umzusetzen. In seinem Handeln bewies der heilige Norbert seine Treue zur Kirche und besonders eine persönliche Verbundenheit mit den Päpsten Gelasius II. (1118-1119) und Calixtus II. (1119-1124). Diese Verbundenheit zeigte sich auch darin, dass er die Erlaubnis für die damals noch ungewohnte Seelsorgeform der Wanderpredigt bekam. Mit der Wanderpredigt knüpfte er an ein Muster des Urchristentums an und dachte an das Wort Jesu an seine Jünger: „Wer euch hört, der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab“ (Lk 10, 16). Als Wanderprediger wirkte er in der Kirche und für die Kirche, um in der Nachahmung der Apostel vor Gott zu stehen und in seinem Dienst zu wirken. Als einer, der vor seinem „Damaskuserlebnis“ dem Stift in Xanten angehört hatte, wusste er wohl, dass sich die Wirkkraft, der missionarische Elan der Kirche Christi nur dann ständig erneuert, wenn die brüderliche Liebe glaubhaft gelebt wird. Wie der heilige Augustinus, dessen Regel er für seine eigene Gründung übernahm, war sich der heilige Norbert bewusst, dass Worte ohne Zeugnis und eine Predigt ohne Verwirklichung im eigenen Leben erfolglos bleiben.
Wenn nun Gott - Gott ist die Liebe (vgl. Joh 4, 16) - selber seine Schafe suchen will, darf keiner im Namen Gottes handeln, ohne Liebe auszustrahlen. Jeder Christ - und sicher mehr noch jeder Ordensgründer, der sein Charisma zum Wohl der ganzen Kirche einsetzt -, handelt im Glauben und in der Liebe. Ein Drittes aber ist nötig, die Hoffnung, damit Glaube und Liebe in der Mission der Kirche konkret Ausdruck finden. Hat das nicht der französische Schriftsteller Charles Péguy in seinem Werk „Le porche du mystère de la deuxième vertu“ richtig herausgearbeitet, wenn er sie mit einem kleinen Mädchen vergleicht, das seine beiden größeren Schwestern – Glaube und Liebe -, die links und rechts neben ihm gehen, vorantreibt?
1. Als Zeuge des Glaubens war der heilige Norbert so geschätzt, dass eine der alten Lebensbeschreibungen - die Vita B, die am meisten verbreitet ist - als Echo der Zeitgenossen sagt: „In Norbert strahlte der Glaube wie in Bernhard von Clairvaux die Liebe.“ Beide haben sich zur gleichen Zeit für eine Reform der Kirche eingesetzt. Mit ihrem Eifer im Dienst der Kirche, mit ihrem Eifer im Einsatz mit den Gaben Gottes erfreuten sich beide Gründer gegenseitig, weil es beiden um die Sache Gottes ging. In der Geschichte der Kirche gibt es zahlreiche Beispiele eines solchen geistlichen Eifers, weil alle um die Mahnung Christi wissen: „So soll es auch bei euch sein: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Sklaven: Wir haben nur unsere Schuldigkeit getan“ (Lk 17, 10).
Auch wenn keine Schriften Ihres Gründers auf uns gekommen sind, liebe Prämonstratenser, sind uns die Früchte seiner Predigten, seiner Aufrufe zur Bekehrung, seines Einsatzes zur Reform des Klerus doch hinreichend Zeugnis dafür, dass er im Glauben treu und beharrlich gewirkt hat. Nur seine tiefe Beziehung zu Gott kann der Grund dafür sein, dass er sich trotz vieler Schwierigkeiten und auch mancher Misserfolge, die sich am Anfang einstellten, nicht beirren ließ - etwa bei dem Bemühen, bei den Priestern des Erzbistums Magdeburg, dessen Leitung er 1126 übernommen hatte, Reformen durchzuführen. Die Heiligen geben sich aber nie geschlagen; Norbert ließ einige Brüder aus Prémontré, also dem Stammkloster, nach Magdeburg kommen, durch deren vorbildliches Leben Klöster und Priester im Bistum bald zur Bekehrung kamen. So handelt Gott - durch seine Heiligen -, um selbst seine Schafe zu führen.
2. So wird die Liebe nicht nur tätig, sondern auch vernehmbar. Einem Feuer vergleichbar, verbreitet sich der Einfluss der Heiligen in der Welt durch deren Liebe zu Gott und zum Nächsten aus. Aus Liebe hat Norbert verschiedene Aufgaben übernommen. So ging er z. B. nach Antwerpen, um die dortige Gemeinde zur wahren Lehre der Kirche zurückzuführen, wo ein gewisser Tanchelm aus der guten Absicht heraus, die Moral des Klerus zu fördern, von ihm selbst entwickelten Thesen verbreitete. Tanchelm sagte, von unwürdigen Priestern gespendete Sakramente seien ungültig. Da eine solche Lehre nicht in Einklang mit der Tradition der Kirche steht, stellte Norbert sich ihr energisch entgegen, trat aber zugleich für einen moralisch untadeligen Klerus ein. Dank seiner von Liebe bestimmten Treue zur Lehre der Kirche über die Sakramente, besonders über die Realpräsenz Christi in der Eucharistie, wurde seine Predigt in Antwerpen bald zu einem Triumph, der mit einem Fest gefeiert wurde. Deshalb wird der heilige Norbert oft mit der Monstranz dargestellt. Der Sache nach hallt der Inhalt seiner Predigt wider in dem Satz des heiligen Pfarrers von Ars Jean-Marie Vianney: „Die Eucharistie ist die größte Erfindung der Liebe Gottes.“ Die Heiligen sind ja alle in den Grundanliegen gleich, nur die Ausprägung ist je verschieden. Wer Heiligen begegnet und sie kennen lernt, ist deshalb erstaunt, wie der Boden, auf dem er sich bewegt, ihm schon bekannt ist.
3. Kein Ordensgründer würde sich auf das Charisma, das Gott ihm anvertraut hat, einlassen, wenn er nicht von Hoffnung beseelt wäre. Bei Ordensgründern wäre allerdings Hoffnung allein auf die Zukunft zu menschlich, zu schwunglos. Es geht um eine Hoffnung auf Gottes Mitwirken und Unterstützung, eben weil es um ein Werk Gottes geht: seine Schafe in seinem Namen zu weiden. In einer Zeit moralischer Schwäche bei manchen Priestern, in Klöstern und in der Kirche insgesamt, in einer Zeit voller Auseinandersetzungen um die Nachfolge auf dem römischen Bischofsitz - zwischen 1100 und 1140 gab es bis zu sieben Gegenpäpsten - hat Norbert den Mut gehabt, sich 1130 in Deutschland für Papst Innozenz II. einzusetzen, wie es der heilige Bernhard von Clairvaux in Frankreich tat; dazu sicherte er sich die Unterstützung von König Lothar III., den er, der Erzbischof von Magdeburg, 1132/33 als Reichserzkanzler zur Kaiserkrönung nach Rom begleitete.
Mit der Übernahme des bischöflichen Sitzes von Magdeburg verband sich für Norbert auch die Hoffnung, in Deutschland vom Zentrum der politischen Macht aus in jener Zeit zur Reform des Klerus besser wirken zu können. Wie schon gesagt, gelang das nicht ohne Widerstand, auch nachdem er Brüder aus dem Prämonstratenserorden zu Hilfe gerufen hatte, so dass er seinen Bischofssitz für drei Monate verlassen musste. Er kam aber zurück und errichtete kleine Klostergemeinschaften mit einem Bischof als Leiter: Havelberg, Brandenburg, Ratzeburg: - nach dem Vorbild der christlichen Gemeinden der alten Kirche, das auch im heiligen Augustinus einen Förderer hatte. Papst Johannes Paul II. hat die geschichtliche Bedeutung des heiligen Norbert für diese Region neu ins Gedächtnis gerufen, als er ihn 1982 zum Schutzpatron des Magdeburger Landes erhob. Kurz nach der Wende hat der Orden übrigens wieder ein Kloster in Magdeburg errichtet, dessen Mitglieder vielfältige seelsorgliche Aufgaben in der Stadt erfüllen.
Als ich meine Doktorarbeit im Kirchenrecht an der Gregoriana über die Zusammenarbeit und das vom Zweiten Vatikanum empfohlene Zusammenleben der Priester in der Seelsorge schrieb, habe ich im Blick auf die Geschichte der Pfarrseelsorge den heiligen Norbert und Prémontré als ausgezeichnete Werkzeuge Gottes für die Reform des Klerus zugunsten der Seelsorge bezeichnet. Seit jener Zeit meiner Ausbildung ist in mir der Wunsch lebendig geblieben und gewachsen, den heiligen Norbert besser kennen zu lernen; und dieser Wunsch ist mit dieser festlichen Messe in Erfüllung gegangen. Deshalb bedanke ich mich bei Abt Hermann Josef für Ihre Einladung. Kontakte hatte ich schon früher mit den Abteien Frigolet und Grosswardein und mit einigen Ihrer Mitbrüder in Rom und Rumänien.
Hoffnung lässt die Heiligen, besonders die Ordensgründer, erfinderisch werden. Das Geheimnis ihrer Erfolge liegt in ihrer Demut in der Nachfolge Christi, wie es der Schlusssegen der heutigen Liturgie zum Ausdruck bringt.
Mit Recht wird Norbert in seiner ersten Biographie mit den Worten charakterisiert: „Groß unter den Großen und unter den Kleinen der Kleinste.“ So wünschen auch wir zu werden, indem wir Gott in unserer Schwachheit wirken lassen.
Amen!






