Predigten
Predigt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
im Pontifikalamt zum Fest des heiligen Josefmaria Escrivá
(Pfarrkirche St. Pantaleon zu Köln, 26. Juni 2010)
„Alle, die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Söhne Gottes“ (Röm 8, 14)
Predigt:
Liebe Brüder und Schwestern in Christus!
Ja, das ist es: sich vom Geist Gottes leiten lassen, wie es Ihr Padre, der heilige Josefmaria im „Werk Gottes“ getan hat, das besser bekannt ist unter seinem lateinischen Namen „Opus Dei“. Er konnte – wie Simon Petrus im Netz der Kirche - in seinem Werk Gottes „Menschen fangen“ (Lk 4, 11). Das heutige Fest – Ihr Familienfest – gibt Ihnen erneut die Möglichkeit, Ihren Dienst in der Kirche – durch das Opus Dei – zu vertiefen, wie wir es gerade im Tagesgebet von Gott erbeten haben: „Gewähre uns auf seine Fürsprache und nach seinem Vorbild, dass wir durch unsere tägliche Arbeit Jesus, deinem Sohn, ähnlich werden und dem Werk der Erlösung mit glühender Liebe dienen“ (Tagesgebet).
Damit das immer mehr Wirklichkeit wird, scheint es mir hilfreich, mit Ihnen drei Fragen zu beleuchten, auf die jeder für sich die entsprechenden Antworten geben kann.
1. Was ist das „Werk Gottes“?
1. Was ist das „Werk Gottes“?
2. Wie wirkt Gott in mir und durch mich?
3. Warum, wie und wozu wirkt Gott?
Ich werde Ihnen - im Lichte des Zeugnisses, das uns der heilige Josefmaria als Vorbild gegeben hat - Elemente einer Antwort vorstellen, aber die Fragen in umgekehrter Reihenfolge bedenken. Den Grund dafür werden Sie am Ende verstehen.
1. Warum, wie und wozu wirkt Gott?
„Gott ist Liebe“, heißt es im Ersten Johannesbrief (1 Joh 4, 16). Und Papst Benedikt XVI. machte dieses Wort zum Titel seiner Antrittsenzyklika: „Deus Caritas est“. Die Liebe, in der der Vater und der Sohn verbunden sind, ist der Heilige Geist. Alles, was ist oder geschieht, hat seinen Ursprung in der Dreifaltigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist, in der personal-relationalen Liebe Gottes. Das gilt auch für die Schöpfung. Eben weil Gott die Liebe ist, will er sein Wirken durch die Schöpfung auch anderen Wesen mitteilen, so dass sie Anteil an seinem Wesen, an seiner Liebe und an seinem Wirken haben. Dadurch entsteht – von unserer Seite betrachtet – das Werk Gottes. Laut Internet kommt das Wort „Werk“ in der deutschen Einheitsübersetzung der Bibel 332mal vor, das lateinische „opus“ in der Vulgata 198mal. Sie kennen sicher Psalmen, in denen der Schöpfer durch seine Werke gelobt wird – wie z. B. den Ps 148. Der Apostel Paulus wirft den Menschen vor, dass sie – dass wir! – Gott nicht erkannt haben, obwohl er seit der Erschaffung der Welt seine unsichtbare Wirklichkeit – „seine ewige Macht und Gottheit“ (Röm 1, 20) – mit der Vernunft wahrgenommen wird.
Wozu hat Gott die Welt erschaffen, wenn nicht dazu, dass wir ihn in uns, seinem Abbild, erkennen können – wie auch in allem anderen, was er erschaffen hat! So sagt Ps 19, 6: „Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, vom Werk seiner Hände kündet das Firmament.“ Ja, durch seine Schöpfung, durch sein Werk gibt Gott anderen Wesen Anteil an seinem Wesen und lässt sich selbst lieben und anerkennen.
Als aber der Mensch sein eigenes Wesen im Werk Gottes durch die Sünde verdunkelt und vernichtet, wirkt Gottes Liebe etwas Neues durch die Menschwerdung des Sohnes. Der heilige Augustinus sagt, dass der Sohn in unsere Welt gekommen ist, um das Werk des Vaters zu retten. In der Menschwerdung des eingeborenen Sohnes werden also Schöpfung und Erlösung eng verbunden, und die Beziehung des Menschen zu Gott wird durch sie zu der eines Kindes zu seinem Vater.
Wir sehen eine solche Haltung im ganzen Leben des heiligen Josefmaria. Noch heute ermahnt er uns: „Weil wir Kinder Gottes sind, schauen wir mit Liebe und Bewunderung auf alle Dinge, die aus der Hand des göttlichen Vaters und Schöpfers stammen. Auf diese Weise leben wir kontemplativ inmitten der Welt und lieben diese Welt“ (Christus begegnen, Nr. 65).
2. Jetzt können wir unsere zweite Frage beantworten: Wie wirkt Gott in mir und durch mich? „In mir“ durch Schöpfung und Erlösung, weil er uns zu seinem Abbild, als Abbild Gottes, als Mann und Frau geschaffen hat (vgl. Gen 1, 27) und wir „alle, denen die Gnade und die Gabe der Gerechtigkeit reichlich zuteil wurde, leben und herrschen durch den einen, Jesus Christus“ (Röm 5, 17), wie es im Römerbrief des Apostels Paulus heißt. Wir sind also gerufen, uns „vom Geist Gottes leiten zu lassen“ (Röm 8,14), wie der heilige Josefmaria es uns vorgelebt hat.
Wenn wir Gott in uns wirken lassen, dann wirkt er auch durch uns, weil Gottes Liebe wie ein Feuer ist; wir halten unsere antwortende Liebe nur dann lebendig, wenn wir uns für andere hingeben. Ich brauche Sie nicht an die Gründe Ihres Glaubens zu erinnern, um das zu zeigen. Von Abraham, dem Vater der Glaubenden, heißt es: „Aufgrund des Glaubens gehorchte er dem Ruf, wegzuziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte; und er zog weg, ohne zu wissen, wohin er kommen würde“ (Hebr 11, 8). Erst später wusste Abraham, wohin Gott ihn führen wollte; heute sehen wir in den zahlreichen und vielfältigen Werken des Opus Dei, wohin Gott Josefmaria Escrivá führte und was er durch ihn für die Kirche und die Welt schaffen wollte. Nur durch Treue im Glauben, Beharrlichkeit in der Hoffnung und volle Hingabe in der Liebe ist das Wirken Gottes erfolgreich. Hat er uns nicht in der Schrift „Der Weg“ ermahnt: „Bei apostolischen Unternehmungen empfiehlt es sich, ist es sogar Pflicht, deine irdischen Hilfsmittel einzuschätzen: 2+2=4. Aber vergiss nicht, niemals, dass du glücklicherweise noch einen weiteren Posten rechnen kannst: Gott+2+2 …“ (Der Weg, 471). Mein Dogmatikprofessor, der spätere Kardinal Charles Journet, erklärte uns das mit den Worten: „Die Rose im Garten ist zu 100 % das Werk Gottes und zu 100 % das Werk des Gärtners.“ Gott ersetzt unser Wirken nicht, sondern belebt es.
3. Jetzt scheint es mir möglich, die dritte Frage – die als erste gestellte – zu bedenken. Was ist das Werk Gottes? Als die Leute nach der wunderbaren Speisung am See von Tiberias Jesus fragen: „Was müssen wir tun, um die Werke Gottes zu vollbringen?“, antwortet ihnen Jesus: „Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat“ (Joh 6, 28f.).
Nicht ohne Grund wird in der Eröffnung der Taufliturgie gefragt: „Was erbitten Sie von der Kirche Gottes?“, und die Antwort lautet: „Den Glauben“. Der Glaube aber soll uns zum ewigen Leben führen. Also ist das Werk Gottes im Glauben Teilhabe an seiner Gottheit, so dass wir in ihm zur Vollkommenheit unseres Wesens gelangen.
Ist das Charisma des heiligen Josefmaria nicht gerade das: die Menschen durch den Glauben an Christus zur Heiligkeit zu rufen und ihnen in allen konkreten Situationen des menschlichen Lebens einen Ansporn zu geben? Sie kennen natürlich den öfter wiederholten Satz: „Heiligkeit ist keine Sache für Privilegierte“ und auch den anderen: „Alle Wege Gottes auf Erden haben sich aufgetan“ (zitiert in: R. Thomas, Josemariá Escrivá begegnen, 85). In dieser Beziehung kann ich Ihnen ein persönliches Erlebnis erzählen, das die traditionelle kirchliche Lehre der Kirche über die Heiligkeit bezeugt. Ich war neun oder zehn Jahre alt. Ein Mitschüler sagte mir einmal: „Ich weiß, warum Deine Mutter nicht zur Legio Mariae gehört: weil ihr in Eurem Geschäft“ – mein Vater war Konditor – „zu allen offen sein müsst und nicht manche Leute bevorzugen dürft.“ Ich antwortete – und der heiligen Josefmaria wäre sicher mit mir einverstanden gewesen -: „Meine Mutter braucht nicht in dieser apostolischen Bewegung mitzumachen; sie ist eine wahre Christin, die uns den Glauben lehrt und uns im christlichen Leben unterstützt. Das ist genug, um das Werk Gottes zu verwirklichen.“
Ja, lassen wir uns, wie es der heilige Josefmaria getan hat, mit dem Geist der Gotteskindschaft stärken, damit wir, dem Willen Gottes treu ergeben, freudig den Weg der Heiligkeit gehen (vgl. Schlussgebet)!
Amen!






